Kirsten Greco
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Find me where the light ends


»„Find me where the light ends“ ist nicht nur eine Geschichte über Trauer, Neuanfang und Liebe. Die Autorin brachte gekonnt einen Hauch Magie hinein. (...)
Für mich war dieses Buch von Anfang bis Ende durchdacht und wunderschön, es bringt zum Nachdenken, Schmunzeln und Seufzen, weckt Hunger und die Hoffnung, dass es so etwas wie Schicksal gibt …«
(Passionate Bookowl)


Bild

Als ihre Großmutter stirbt, bricht für Emily eine Welt zusammen. Sie verliert nicht nur ihre engste Vertraute, sondern auch den Menschen, mit dem sie eine ganz besondere Gabe geteilt hat: So wie Claire hat auch Emily seit einiger Zeit Zukunftsvisionen. Nun ist sie bei der Deutung der Traumbilder ganz auf sich allein gestellt. Doch Claire hat eine letzte Überraschung für ihre Enkelin. Sie vermacht ihr ein rätselhaftes Fotoalbum, das sie bis zu einem Künstleratelier nach St. Augustine in Florida führt. Dort begegnet sie nicht nur dem faszinierenden Kunstlehrer Declan, sondern stößt auch auf eine mysteriöse Spur – in ihre eigene Zukunft! Wäre da nur nicht dieser unheimliche Fremde, der immer wieder ihren Weg und ihre Träume kreuzt. Fast zu spät erkennen Emily und Declan, dass die Fährte, der sie folgen, ungeahnte Gefahren birgt. Eine Schnitzeljagd der ganz besonderen Art beginnt…

(Neuauflage. Dieser Roman erschien 2017 als „Colours & Dreams“ im Carlsen Verlag.)



Leseprobe

Prolog
Sie hatte alles und er hatte nichts. Seine Träume waren zerplatzt wie Seifenblasen. Nichts war mehr übrig. Alles weg. Und es war ihre Schuld. Sie hatte bekommen, was ihm gehörte. Doch alle hatten die Rechnung ohne ihn gemacht. Er war schlau. Viel schlauer, als sie geahnt hatten.
Der alte Narr. Ein Leben lang hatte er an diesem Helfersyndrom gelitten. Nach dem Unfall, der dann doch keiner gewesen war, hatte er sich schließlich selbst übertroffen. Und er hatte Tagebuch geführt, wie ein Schulmädchen. Dann war der Dummkopf gestorben und er hatte es gefunden. Erst konnte er es nicht glauben. Wieder und wieder las er diese eine Seite. Sie hatte bekommen, was ihm gehörte.
Seitdem folgte er ihr auf Schritt und Tritt. Er hatte sein Apartment verkauft, jobbte mal hier, mal dort, stieg nachts in billigen Motels ab. Sein Führerschein war eine simple Fälschung und doch fiel jeder darauf herein. Damit Autos zu mieten, war ein Kinderspiel. Inzwischen war er Meister im Spurenverwischen geworden.
Geduldig hatte er auf seine Chance gewartet und irgendwann eine Unvorsichtigkeit gnadenlos ausgenutzt. Die Wanzen in den Häusern zu verstecken, war schon fast zu einfach gewesen. Seit einem halben Jahr hörte er jedes Geräusch, jedes Wort, das dort gesprochen wurde. Kaum zu glauben, was er in der kurzen Zeit alles herausgefunden hatte. Sie hatte alles: Familie, ein Heim, Geld. Und Visionen. Ein Traum hatte sie schließlich reich gemacht. Durch ihn hatte sie bekommen, was ihm zustand. Ein wenig Geduld noch und er würde sie zur Kasse bitten.
Er sah sich um. Im Café herrschte um diese Zeit Hochbetrieb. Er hatte schon so oft genau an diesem Tisch gesessen und ihr bei der Arbeit zugesehen. Sie war hübsch, sehr hübsch. Schade eigentlich. Denn sie war nur Mittel zum Zweck, mehr nicht. Ohne diese zierliche Blondine mit den Sommersprossen konnte er sein Ziel nicht erreichen. Gerade legte sie den Schokoladen-Cupcake, den er bei ihrer Kollegin bestellt hatte, auf den Teller. Auf seinen Teller. Sie umrundete die Ladentheke und hielt auf ihn zu. Wie von selbst hoben sich seine Mundwinkel. Showtime.

 
Kapitel 1
Pulsjagen. Anders konnte sie dieses Gefühl, das die Erinnerung an einen ihrer Träume ankündigte, nicht beschreiben. Als sie es vor Jahren das erste Mal bewusst wahrgenommen hatte, war sie nervös zum Arzt gegangen und hatte ein EKG verlangt. Heute wusste sie es besser.
Inzwischen spürte sie jeden Herzschlag bis in die Fingerspitzen. Ein Traum war ganz nah. Emily vollendete das Milchschaum-Herz, stellte die Tasse auf das Tablett und sah sich um. Vermutlich wurde nirgendwo so viel Kaffee getrunken wie in New York City. Das gemütliche kleine Kaffeehaus mitten in Manhattan, in dem sie schon seit ihrem ersten Collegesemester jobbte, behauptete sich seit Jahren gegen die allgegenwärtigen Kaffeehausketten und wurde inzwischen als Geheimtipp für den besten Espresso der Stadt gehandelt. Jeder Tisch und jede Sitznische war besetzt. So wie immer.
»Danke, Em, dass du den Typ an Tisch Drei übernimmst.« Cheryl schenkte ihr ein erleichtertes Lächeln und schob die letzte Reihe Pistazien-Macarons dicht an die Glasscheibe der Verkaufstheke. »Was für ein aufdringlicher Widerling. Ich weiß nicht, wie lange er in meinen Ausschnitt gestarrt hat, bevor er die Bestellung aufgegeben hat. Doch jetzt scheint er nur noch Augen für dich zu haben. Vermutlich steht er eher auf hübsche, zierliche Blondinen mit Sommersprossen. Bist du sicher, dass du dir das antun willst?«
»Kein Problem, Kollegin. Dem zeige ich die kalte Schulter.« Sie legte einen Schokoladen-Cupcake auf den Teller und stellte ihn neben die Tasse. »Dann wollen wir mal. Sieh zu und lerne …«
Grinsend umrundete sie die Theke und hielt auf den Tisch zu.
Pulsjagen. Dieses Mal stärker.
Im Kaffeehaus herrscht Hochbetrieb. Der blonde Mann mit den stechend blauen Augen sitzt an einem Tisch und wartet ungeduldig. Jeans, kurzärmliges beigefarbenes Hemd, das muskulösen, sonnengebräunten Armen schmeichelt. Mit der Hand streicht er sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht und mustert sie abschätzig. Er macht ihr Angst.
Mit erschreckender Klarheit erinnerte sie sich plötzlich an jedes Detail. Seit Tagen wartete sie auf das Zusammentreffen mit dem mysteriösen Unbekannten, der sie seit einiger Zeit im Schlaf besuchte und sie Nacht um Nacht mit schweißnassen Händen und Herzrasen hochfahren ließ. Von dem Traum blieb niemals mehr als ein vages Bild zurück, doch nun war es so weit. Er würde gleich Realität werden. Mal wieder. Emily atmete tief durch und schepperte das Tablett auf den Tisch.
»Milchkaffee und Cupcake. Bitte schön.«
»Danke, Schätzchen.« Er fuhr sich durch seine handbreitlangen blonden Haare und musterte sie. Stahlblaue Augen. Kalt. Eiskalt. Wie in ihrem Traum.
Etwas stimmte nicht mit diesem Fremden … und sie wollte wirklich nicht wissen, was. Wie von selbst streifte ihr Ellbogen das Glas, das der vorherige Kunde nicht ausgetrunken hatte und das sie eigentlich abräumen sollte. Wasser samt Eisstückchen ergossen sich in den Schoß des Mannes, der sie eben noch Schätzchen genannt hatte. Aus den Augenwinkeln sah sie Cheryls nach oben gestreckten Daumen, bevor er aufsprang und mit festem Griff ihr Handgelenk umfasste. »Wir sehen uns noch, Emily.«
Er drehte sich um und verließ im Laufschritt das Café.
Ein eisiger Windhauch strich ihr über den Nacken. Er kannte ihren Namen.
Die restlichen zwei Arbeitsstunden hatten sich gezogen wie Kaugummi, ebenso die neunzigminütige Heimfahrt. Kaum war sie zu Hause angekommen, hatte sie an Grannys Tür geklopft. Nun saß Emily auf dem blassroten Sofa und hielt sich an einem Glas Wein fest, während Claires Lachen die Wände hochschwebte, sich an die Decke schmiegte und sie einhüllte. Hell. Fröhlich. Unbeschwert. Als hätte jemand das Fenster geöffnet und statt nebelverhangener, nasskalter Aprilluft eine laue, blumige Brise in das Wohnzimmer ihrer Großmutter hereingelassen. Genau das brauchte sie jetzt.
»Du hast was gemacht, Em?« Claire wischte sich mit dem Handrücken die Lachtränen aus den Augen und lehnte sich in die geblümten Kissen der Wohnzimmercouch.
»Das Wasser ist quasi von allein umgekippt. Und meinen Job habe ich auch noch.« Emily stellte das Weinglas auf den weißen Landhaus-Couchtisch. »Hätte er nicht erst Cheryl auf den Busen geglotzt und mich dann mit Schätzchen blöd von der Seite angequatscht, wäre das erst gar nicht passiert. Schicke, nasse Designerjeans … du glaubst gar nicht, wie schnell wir Mr. Sunshine wieder los waren. Zumindest dachte ich, ich wäre ihn los. Endgültig, meine ich. Aber ich könnte schwören, ich hätte schon wieder von ihm geträumt.«
Sie hielt inne, nippte an dem Wein und bemühte sich, sich erneut an den Traum zu erinnern. Vergeblich.
»Irgendetwas stimmt nicht mit ihm«, fügte sie leise hinzu. Die Tatsache, dass er ihren Namen wusste, behielt sie lieber für sich. Granny würde Dad Bescheid geben und Dad würde augenblicklich in die väterliche Cop-Rolle schlüpfen. Nichts war schlimmer als das! Es wäre nicht das erste Mal, dass er Erkundigungen über den einen oder anderen Bekannten einholte. »Hätte ich nur endlich …«
»… klare Träume?«, versuchte es Claire vorsichtig und griff nach ihrer Hand. »Bald. Ganz bestimmt. Bei mir war es genauso. Damals. Du musst Geduld haben, Em. Wir sind das doch schon so oft durchgegangen.«
»Und ich habe mir auch alles gut gemerkt.« Emily stellte das Glas auf den Tisch und wiederholte, was Claire ihr schon x-mal erklärt hatte. »Also … ich habe das Talent, in die Zukunft zu träumen, von dir geerbt, obwohl es nicht automatisch von Mutter oder Vater zum Kind weitergegeben wird. Dad kann es nicht. Ich muss mein Geheimnis nicht für mich behalten. Ich soll mich denen anvertrauen, die mir wichtig sind. Und irgendwann geschieht etwas …« Sie holte tief Luft. »Es geschieht etwas, das du mir nicht verraten darfst und … peng … schon erinnere ich mich ganz genau an meinen Traum und finde den Weg quasi wie von selbst dorthin, wo er Realität geworden ist.«
»Gut aufgepasst, Kleines.« Die wachen blassblauen Augen funkelten übermütig. »Und wo wir gerade beim Thema sind … du hast nicht nur die Träume von mir geerbt. Ist es nicht langsam Zeit, den Job in dem schnuckeligen Café in der City aufzugeben? Dieses ständige Hin- und Herpendeln ist doch sehr mühsam. Lass mich raten. Du hast seit Monaten dein Krankenschwesterdiplom in der Tasche und immer noch keine einzige Bewerbung abgeschickt. Oder?«
Emily sparte sich eine Antwort und schüttelte den Kopf. »Irgendwann werde ich sicher genauso mit Leib und Seele Krankenschwester sein, wie du es gewesen bist.« Sie zog die Hand fort und lehnte sich stattdessen an Claires schmale Schulter. So konnte sie wenigstens dem inquisitorischen Blick ausweichen. »Eigentlich freue ich mich auf meine erste richtige Anstellung.«
»Aber du hast Angst vor dem Alltag, stimmt's? Und wann wolltest du mir überhaupt von deinen Kunstkursen erzählen?«
Shit. Claire musste ihr nicht einmal in die Augen sehen, sie wusste auch so Bescheid. Jeweils dienstags und donnerstags schlich sie sich vor der Arbeit in den mit Staffeleien vollgestopften Kunstsaal eines Community Colleges in der Nähe des Kaffeehauses und verließ ihn drei Stunden später mit Kohlestift- oder Wasserfarbspuren an den Fingern und einem Lächeln im Gesicht. Wie zum Teufel hatte Granny das wieder herausgefunden?
»Grandma, ich bin erst dreiundzwanzig. Du hast Recht, ich habe eine Scheißangst vor dem Alltag. Das Zeichnen macht Spaß«, murmelte sie und vermied ein Grinsen. »Und was das Hin- und Herfahren angeht … natürlich kann ich mir etwas Schöneres vorstellen, als täglich über zwei Stunden in überfüllten Bussen zu sitzen. Alles Tobys Schuld«, versuchte sie es scherzhaft, nur um Claire neben sich kichern zu hören.
»Sei froh, mein Schatz. Das wäre nie gut gegangen mit euch.«
Emily seufzte leise. Ihr verkorkstes Liebesleben war ein weiteres Thema, das sie mit Claire schon viel zu oft durchgekaut hatte. Vor sieben Wochen hatte Toby sich nach zwei Jahren von ihr, dem drohenden grauen Alltag und dem winzigen New Yorker Apartment verabschiedet. Seitdem befand er sich zwecks Selbstfindung auf Weltreise – vermutlich auf Kosten seiner Eltern. Und sie wohnte wieder in dem sandfarbenen zweistöckigen Einfamilienhaus mit der überdachten weißen Veranda. Direkt neben Granny. In New Jersey. Denn im Gegensatz zu Tobys Sponsoren dachten Mom und Dad nicht im Traum daran, ihren persönlichen Selbstfindungs-Trip zu finanzieren.
»Und selbst wenn ich könnte … du hast Recht, es wäre nie gut gegangen mit Toby und mir«, setzte sie ihren Gedankengang laut fort. »Mein Schicksal. Meine Träume. Meine Zukunft. Kommt schon noch. Irgendwie.« Sie zuckte mit den Achseln und seufzte resigniert. »Es tut mir nur so leid, dass ich Mom und Dad nun wieder mit meiner Anwesenheit beglücke. Manchmal komme ich mir schon wie ein ungebetener Gast vor. Obwohl … neuerdings überschütten die beiden mich geradezu mit elterlicher Liebe.« Sie hielt inne. »Vermutlich steckt Methode dahinter. Rausschmiss durch übertriebene Fürsorge oder so.«
»Was redest du da für einen Unsinn, Em. Natürlich freuen sich Rob und Ellen über deinen … ähm … Besuch. Zur Not ziehst du einfach hier ein.«
Wie so oft durchströmte Emily tiefe Zuneigung für die gebückte Frau neben ihr. Ihre Zerbrechlichkeit täuschte. Granny war stark, selbstbewusst und energisch. Und eigentlich sah man ihr die zweiundneunzig Jahre nicht an. Schneeweiße kurze Haare umrahmten ein zartes Gesicht. Unzählige Falten waren nicht nur Zeuge ihres stolzen Alters, sondern auch ihrer überschäumenden Lebenslust und Fröhlichkeit. Die Hälfte davon waren Lachfalten, vermutete Emily. Mindestens.
»Und was deine Träume angeht …«, nahm Claire den Faden wieder auf. »… irgendwann hast du dich an die Visionen gewöhnt. Ich verspreche dir, bald wirst du klarer sehen.«
»Ich weiß nicht.« Emily verzog das Gesicht. Im Gegensatz zu ihr erinnerte sich ihre Großmutter genau an jede Traumgestalt und wusste sogar im Voraus, wann oder wo sie ihr gegenüberstehen würde. Bei Emily kündigte sich der Traum immer erst kurz vorher an. So wie gestern. Hätte sie wenigstens Zeit gehabt, sich darauf vorzubereiten! Granny nannte ihre Träume Visionen. Emily stöhnte laut auf. Visionen wollte sie nicht.
»Vertrau mir einfach, Em. Irgendwann werden die Träume zu Visionen. Zukunftsträume sozusagen. Hab Geduld.«
Emily zog eine finstere Grimasse. Alte Gedankenleserin! »Geduld … nicht gerade meine Stärke.« Sie streckte ihre langen Beine unter dem barocken Holztisch aus und reckte sich. Wie sehr hatte sie diese Frau auf dem hellgrünen Plüschsofa mit den vielen unbequemen Fragen in ihr Herz geschlossen.
»Das stimmt, Kleines.« Ein Lächeln huschte über das alte Gesicht und verschwand wieder. »Was den blonden Unbekannten mit den Designerjeans angeht … scheue dich nie, um Hilfe zu bitten. Und vor allem vertraue deinem Instinkt. Immer. Glaube mir, auf dein Bauchgefühl ist Verlass.«

 
Kapitel 2
Emily gähnte laut und zog sich die Bettdecke über die Nase. Unruhige Nächte voller verwirrender Träume waren ja nichts Neues, doch so wie jetzt hatte sie sich noch nie gefühlt. Ihr war schlecht. Kotzschlecht.
Es war spät geworden gestern Abend. Bis kurz nach Mitternacht hatten Granny und sie über Träume, Visionen, Krankenhäuser, Selbstfindungstrips und Kunststunden geredet. Emily hatte nicht nur aufs Zähneputzen verzichtet, sondern auch darauf, sich auszuziehen. In Jogginghose und T-Shirt war sie todmüde ins Bett gefallen, nur um eine geschlagene Stunde lang weiter zu grübeln. Geduld. Claire hatte gut reden. Ihre Großmutter konnte sich immerhin erinnern. Doch bis Emily ihren Träumen Tage später in der U-Bahn, bei der Arbeit, ja, sogar im Fernsehen wiederbegegnete, blieb erst einmal nicht mehr als eine bloße Empfindung zurück. Mal ein zufriedenes, mal ein euphorisches und hin und wieder ein bedrückendes Gefühl. So wie jetzt. Obwohl … dermaßen niedergeschlagen war sie noch nie aufgewacht. Etwas stimmte nicht. Wenn sie sich bloß irgendetwas ins Gedächtnis rufen könnte! Doch da war nichts. Absolut gar nichts, außer der Gewissheit, dass heute, morgen oder in den nächsten Tagen etwas Schreckliches geschehen würde. Etwas, das sie unendlich traurig machen würde. Verdammt, war ihr übel. Die Decke drohte sie plötzlich zu erdrücken. Sie warf sie zur Seite und tastete auf dem Nachttisch blind nach dem Handy. Kurz vor sechs. In zehn Minuten würde das Haus erwachen. Dad würde sich die Treppe hinunterschleichen, die Kaffeemaschine anstellen, dann Claire nebenan eine Tasse frisch gebrühten Kaffee vorbeibringen, Mom wecken und irgendwann an ihre Zimmertür klopfen. Das morgendliche Anklopfen ließ er sich nicht nehmen, seit sie ins heimische Nest zurückgekehrt war. Emily lächelte in sich hinein.
Der coole Cop und die hippe Boutique-Besitzerin waren anders als normale Eltern. Ellen und Rob Donovan waren locker, jung geblieben und machten aus ihrer Liebe und Zuneigung füreinander kein Geheimnis. Sie gönnte ihnen die wohlverdiente Zweisamkeit von Herzen. Sobald sie aus Diamond Shore zurückkämen, würde sie anfangen Bewerbungen zu schreiben. Doch heute Morgen konnte sie sich noch nicht einmal auf den Urlaub an Floridas tropischer Atlantikküste freuen. Traditionell wurde dort im familieneigenen Strandhaus alljährlich Claires Geburtstag gefeiert.
Sie knipste die Nachttischlampe an, schob die Beine über die Kante und sah sich um. Ihr altes Zimmer. Es hatte nach ihrem Auszug einen neuen zitronengelben Anstrich bekommen, doch sonst hatte sich nicht viel verändert. Schmales Bett, weiße Kommode, begehbarer Kleiderschrank, Schreibtisch samt Stuhl. Plötzlich sehnte sie sich nach eigenen vier Wänden.
Knarrende Treppenstufen ließen sie zusammenfahren. Emily schüttelte den Kopf. Kaum zu glauben. Wer außer ihrer Großmutter stand schon freiwillig um kurz nach sechs auf? Für einen Kaffee … ,den sie sich problemlos später selbst kochen könnte?
Emily reckte sich und strich sich die Haare aus dem Gesicht. Vielleicht sollte sie noch einmal versuchen einzuschlafen und darauf hoffen, dass sich der unangenehme Druck im Magen löste. Heute musste sie erst nachmittags im Kaffeehaus sein und die Kunstkurse standen auch nicht auf dem Programm. Bevor sie den täglichen Kampf mit den öffentlichen Verkehrsmitteln in Richtung New York City aufnehmen musste, hatte sie noch viel Zeit. Sie schluckte das nächste Gähnen hinunter, stand auf und warf einen prüfenden Blick in den Spiegel über der Kommode. Dunkle Ringe unter den Augen, blass. Hätte sie nicht etwas von Moms südländischem Teint, den sie ihren italienischen Vorfahren verdankte, mitbekommen können? Aber nein, sie hatte Dads helle Gesichtsfarbe samt Sommersprossen geerbt, leider ohne die flachsblonden Haare. Statt mit Moms dunkelbraunen Locken, die selbst morgens früh perfekt über ihre schmalen Schultern flossen, konnte sie mit einer schulterlangen dunkelblonden Haarpracht aufwarten, die beim Aufstehen Ähnlichkeit mit einem hastig zusammengebastelten Vogelnest hatte. In diesem Zustand sollte sie Cheryl mal sehen. Von wegen hübsche Blondine.
Der Druck im Magen nahm zu. Sie griff mit ihrer klammen, zittrigen Rechten nach der Bürste, um Ordnung in das verheerende Chaos auf ihrem Kopf zu bringen, als ihr Herz plötzlich zu rasen begann. Emily schnappte nach Luft. Das war kein unangenehmes Pochen in den Fingerspitzen wie sonst. Die Erinnerung an diesen Traum kündigte sich mit brutalen Schmerzen an. Etwas packte ihr Herz und drückte fest zu. Keuchend presste sie Luft in die Lungen. Die Bürste glitt ihr aus der Hand und landete auf dem beigefarbenen Teppich.
Jetzt.
Gleich würde sie sich erinnern. Mit beiden Händen hielt sie sich an der Kommode fest. Was zum Teufel war das?
Stille. Totenstille im Haus. Dad musste gerade nebenan an Claires Tür klopfen, den Kaffee in der Hand.
Ein verschwommenes Gesicht schob sich durch den dunstigen Schleier. Kurze schneeweiße Haare, unzählige winzige Lachfalten, blassblaue Augen. Die Erinnerung an ihren Traum traf sie hart und erbarmungslos.
Der schmale Mund verzieht sich zu einem zufriedenen Lächeln, dann senken sich die Lider über die Augen. Die Brust hebt und senkt sich bei jedem Atemzug. Ein leiser Seufzer, ein letztes Ausatmen. Stille.  
Claire! Nein!
Sie stürzte zur Tür, hastete die Treppenstufen zum Wohnzimmer hinunter und wusste es, bevor sie Dads kreideweißes Gesicht sah. In seinem dunkelblauen Pyjama stand er vor ihr, Panik in den Augen.
»Ruf 911 an, Em.« Er drückte ihr sein Handy in die Hand. »Und weck deine Mutter. Claire …«
Seine Stimme versagte, dann jagte er zur Haustür hinaus.
»Ich weiß, Dad«, rief sie ihm hinterher.
Sie wusste auch, dass kein Arzt der Welt Claire noch helfen konnte. Sie hatte gestern Abend das letzte Mal mit ihrer Großmutter gesprochen. Verzweifelt zwang sie ihren Zeigefinger auf den Screen und wählte.
»563 Cumberland Court. Meine Großmutter … Claire Donovan … Ich weiß es nicht genau … Mein Dad ist bei ihr … Ja, einen Krankenwagen.«
Das Handy fiel herunter so wie die Bürste zuvor. An das dumpfe Klicken auf dem Parkettfußboden würde sie sich noch Jahre später erinnern. Ebenso wie an die warme Hand, die sich mit einem Mal in ihre schob. Sie hatte Mom nicht kommen hören, doch plötzlich stand sie neben ihr. Barfuß. Ihren rosafarbenen Bademantel hatte sie nachlässig über ihr Lieblingsnachthemd, ein XXL New York Mets Shirt, gezogen.
»Ist es Claire?« Sacht zog ihre Mutter sie hinter sich her, quer durch das Wohnzimmer bis zur Küche, wo sie sie auf einen Stuhl drückte und ihr eine Tasse Kaffee reichte. »Du hast es geträumt, nicht wahr?«
»Mom. Ich glaube …« Ihr versagte die Stimme. »Dad ist drüben. Ich kann nicht …«
Ihre Lippen fühlten sich blutleer und taub an. Sie schaffte es nicht, die Tasse an den Mund zu führen. Mit bebenden Händen stellte Emily sie zurück auf den Tisch und deutete ein Kopfnicken an. Ihre Eltern wussten von den Träumen und hatten ihr von Anfang an Glauben geschenkt. Kein Wunder, auch Claire hatte daraus nie ein Geheimnis gemacht. Ein lauter Schluchzer entrang sich ihrer Kehle.
»Warte hier. Ich muss jetzt zu Rob. Hab keine Angst. Ich bin gleich wieder da.«
Die schlanke Gestalt hastete durch Ess- und Wohnzimmer, der lange Bademantel wehte wie Engelsflügel hinter ihr her. Schritte entfernten sich, die Haustür schlug zu.
Das Heranjagen des Krankenwagens, das Jaulen der Sirenen und die Stimmen vor dem Haus verschmolzen zu einem dumpfen Klangbrei. Warte hier. Moms Worte hingen dagegen noch glasklar im Raum. Natürlich würde sie warten. Um nichts in der Welt würde sie jetzt Claires Haus betreten. Sie legte den Kopf auf den Tisch und schloss die Augen. So lange, bis alle Geräusche verstummt waren. Als die Stille zu laut wurde, sah sie auf und erschrak. Ihr Vater, der sie immer an eine mächtige Eiche erinnerte, hielt sich an seiner schlanken Frau fest. Tränen rannen über sein Gesicht. Normalerweise konnte ihm kein Sturm etwas anhaben, doch jetzt bebten die imposanten Schultern, bevor er sich verlegen räusperte, sich aus Moms Arm wand und den Blick auf Emily richtete.
»Deine Großmutter …« Er hielt inne und ließ sich auf den Stuhl an ihrer Seite fallen. »Sie ist einfach nicht aufgewacht.« Müde griff er nach Emilys Tasse und kippte den kalten Kaffee in wenigen Schlucken hinunter.
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