Kirsten Greco
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Willow - Und in mir dein Licht 

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​Ein Bild. Eine Prophezeiung. Und zwei, die nie dazugehört haben – bis sie alles verändern.

Lilly lebt für Streetart, Jonah für Bücher. Sie kennt die Straßen von Detroit, er kommt aus den Villen von Grosse Pointe Woods. Sie könnten unterschiedlicher nicht sein – trotzdem sind sie unzertrennlich. Doch kaum haben sie ihren Highschool-Abschluss in der Tasche, steht ihr letzter gemeinsamer Sommer ganz im Zeichen des Abschieds, und so begleitet Jonah Lilly täglich zum Sprayen. Als sie dabei an einem verlassenen Gebäude ein Portal erschaffen, stürzen sie in die Welt von Willow, in der verfeindete Magier seit Jahrzehnten um Macht und Kontrolle kämpfen. Und plötzlich sind sie mehr als Außenseiter: Sie sind Teil einer Prophezeiung und müssen so schnell wie möglich herausfinden, was es mit der rätselhaften Weide auf sich hat – und was sie bereit sind, füreinander und für Willow zu riskieren. Denn was auf der anderen Seite des Portals geschieht, liegt nicht in ihrer Hand  - und die Zeit läuft erbarmungslos gegen sie.






Leseprobe

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Prolog
 
Zurückkehren und leben oder bleiben und sterben? Es will ihr kaum gelingen, einen Fuß vor den anderen zu setzen, doch der vertraute kräftige Druck im Rücken treibt sie voran. Verdammt, der Abschied bricht ihr das Herz! Ein letztes Mal noch das funkelnde Glänzen der Zweige bewundern … ein letztes Mal staunen, wie sich die Äste umeinanderwinden, miteinander verflechten, um plötzlich zu einem Tunnel aus goldenem Licht zu verschmelzen. Diese wenigen Sekunden will sie bewusst erleben. Der Druck nimmt zu, ihr bleibt nichts anderes übrig, als schneller zu laufen. Mit einem Mal wünscht sie sich nichts sehnlicher, als umzukehren. Zurück zur Magie, zurück zu den Menschen, die sie dort liebgewonnen hat. Doch dieser kurze Weg führt nur in eine Richtung: Hinaus in eine Welt, die sie seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen hat. Eine Welt, die sich verändert hat in all den Jahren. Ob sich das Bild immer noch dort befindet, wo es sich damals für sie geöffnet hat? Die Luft wird eng. Das Licht blendet sie, etwas raubt ihr den Atem. Jetzt! Gleich ist es soweit. Ein heftiger Stoß und sie landet hart auf dem Boden. Der Dachboden ihrer Eltern … sie hat nichts anderes erwartet. Keuchend dreht sie sich um. Sie kämpft den Impuls nieder, die Hand nach dem Ölgemälde mit dem magischen Baum auszustrecken, schließt erschöpft die Augen und hofft, dass die, die nach ihr kommen werden, die Kraft haben, Gillians Nachkommen zu trotzen. Der Gedanke, dass sie nicht die Letzte ist, beruhigt sie.

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​Kapitel 1
 
Lilly
 
Freiheit! In diesem Moment schmeckte sie süßer als Moms Brownies, duftete intensiver als das sündhaft teure Parfum, das Jonah mir letztes Jahr zum Geburtstag geschenkt hatte. Sie klang besser als jede Zeile aus einem Nirvana-Song - und fühlte sich an wie der Sommerwind, der mir gerade durchs Haar fuhr: wild, lebendig, voller neuer Möglichkeiten. Die Welle meiner Mitschüler erfasste mich und trug mich nach draußen. Noch nicht einmal Suzie Gibbons affektiertes Kichern konnte in diesem Moment das Hochgefühl dämpfen, ebenso wenig wie der sicher nicht unabsichtliche Rempler ihrer Freundin Marge. Ein letztes Mal lief ich über den hellbraunen Kopfsteinpflasterweg zwischen der großzügigen Parkanlage, bevor ich stehenblieb, auf die Wiese trat und mir einen Blick über die Schulter gönnte. Die Sonne stand hoch über dem roten riesigen Backsteingebäude, Strahlen glitten wie silberne Speere die grauen Giebel hinab. Als mich ein Lichtfetzen blendete, drehte ich mich entschieden um. Das war‘s! Nie wieder diese hässliche Schuluniform tragen, nie wieder das langweilige Geschwätz meiner Klassenkameraden ertragen, nie wieder durch die Gänge der exklusiven Eastside Academy hasten und darauf achten, bloß mit niemandem einen Streit anzufangen. Der allerletzte Schultag meines Lebens lag hinter mir. Freiheit! Nie wieder Highschool! Ich unterdrückte den Freudenschrei, der schon meine Kehle kitzelte, und sprang stattdessen stumm auf den Weg zurück – direkt vor Ben Flechters Füße.
»Ey, Goldberg. Kannst du nicht aufpassen?« Er musterte mich abschätzig von oben bis unten und strich sich eine blonde Strähne aus der Stirn. »Du kannst es wohl gar nicht abwarten, uns nicht mehr zu sehen.«
Die Betonung lag auf uns, denn das ich noch nie dazugehört hatte, war nichts Neues. Binnen Sekunden hatte er mich aus der Freiheitseuphorie gerissen. Dabei hatte ich mir so geschworen, mir von niemandem diesen besonderen Tag versauen zu lassen. Ausgerechnet Fletcher! Reich, blond, muskulös, dumm. Der Schwarm aller Suzies und Marges. Lässig strich er sich ein zweites Mal die halblangen Haare aus dem Gesicht.
»Sogar am letzten Schultag muss man sich vor dir in Acht nehmen, Goldberg. Sag bloß, das war die Spur eines Lächelns in deinem Gesicht vorhin?«
»Ey, Fletcher«, äffte ich ihn nach und trat einen Schritt nach vorn. »Dir wird glatt was fehlen, wenn du dich nicht mehr täglich über mich ärgern kannst.« Ich zog eine finstere Grimasse und freute mich, dass er zurückwich. »Verschwinde.«
»Keine Sorge. Nichts lieber als das.« Er hielt inne, garantiert, um sicherzugehen, dass seine Groupies diesen Schlagabtausch auch nicht verpassten. Und tatsächlich, hinter ihm versammelte sich binnen kürzester Zeit seine Fangemeinde. Marge zückte ihr Handy und begann zu filmen.
Ich tat ihr den Gefallen und schenkte ihr ein falsches Grinsen, um sie nicht zu enttäuschen. Also gut … ein letztes Mal, Fletcher. Doch bevor ich loslegen konnte, strahlte Ben in die Kamera.
»Nur für den Fall, dass du es immer noch nicht geschnallt hast, Lilly: Du brauchst schon ein bisschen mehr als ein paar gute Noten, um dazuzugehören. Aber keine Sorge, im College findet sich sicher gleichgesinntes Trailerpark Pack.«
Mit einem Lächeln schluckte ich den bitteren Geschmack im Mund hinunter.
»… und für dich ganz bestimmt genug neue Mäuschen, die dich trotz deines Erbsenhirns anhimmeln werden.« Ich zeigte Marge den Stinkefinger, bevor ich fortfuhr. »… und nur für den Fall, dass du es noch nicht geschnallt hast, Benny: Dein Daddy konnte sein Geld zwar für die Zulassung zu deinem exklusiven Privatcollege verschwenden, aber Verstand oder gar Intelligenz kann man eben nicht erkaufen. Have a nice life.«
Ich warf ihm einen letzten vernichtenden Blick zu und wandte mich an Marge. 
»Hast du das?«
Bens Fan Nummer eins hatte zwar das Handy immer noch auf uns gerichtet, betrachtete aber inzwischen angestrengt ihre Fußspitzen. Ich zuckte mit den Achseln, kehrte ihr und Ben den Rücken und setzte meinen Weg wortlos in Richtung Parkplatz fort.
Dieses Duell hatte ich gewonnen, doch die überschäumende Freude versickerte gerade irgendwo zwischen den Ritzen des Kopfsteinpflasters. Verfluchte Academy! Hätte Mom mich damals nicht mit Tränen in den Augen darum gebeten, das Stipendium für die beste Schule der Stadt anzunehmen, hätte ich diese Zeit in der durchschnittlichen High School um die Ecke abgesessen und mich nicht vier Jahre lang mit verwöhnten High Society Kids herumplagen müssen. Doch meine Eltern wollten sicherstellen, dass mir die Eliteschule den Weg zu einem guten College ebnete - und mir ein unabhängiges Leben sicherte. Und sie hatten recht gehabt. In ein paar Wochen würde ich mein Medizinstudium in einem der besten Colleges Amerikas beginnen. ALS Forschung, Amyotrophe Lateralsklerose, eine degenerative Erkrankung des zentralen Nervensystems  … etwas anderes kam für mich nicht infrage. Dads Krankheit hatte nicht nur unsere Ersparnisse, sondern auch Moms Seelenfrieden aufgefressen. Und nicht nur das … auch unser hübsches, kleines Haus in Royal Oak war den Arztrechnungen zum Opfer gefallen. Seit einer gefühlten Ewigkeit wohnten wir deshalb in dieser schrecklichen Wohnschachtel am Stadtrand Detroits. Ich hasste den Trailerpark über alles.
 Amyotrophe Lateralsklerose … Die Lebenserwartung ab Diagnosestellung betrug im Durchschnitt dreieinhalb Jahre. Ob ich dankbar sein musste, dass sich Dad bereits seit knapp fünf Jahren quälte? Dahinsiechte.
»Kopf hoch, Lillian Goldberg.«
Ich fuhr zusammen. Jonah! Ich blieb abrupt stehen und drehte mich um. Täglich trafen wir uns nach Schulschluss und liefen gemeinsam zu seinem altersschwachen grünen Mazda und ausgerechnet heute hatte ich meinen besten Freund vergessen. Jonah Cooper. Leidensgenosse, Nerd, Klassenbester …  Doch nicht nur sein messerscharfer Verstand imponierte mir, in seiner Brust schlug außerdem das größte Herz, das man sich vorstellen konnte.  
»Ich suche dich schon überall. Gerade am letzten Tag läufst du mir davon?« Er runzelte die Stirn und griff zum ersten Mal auf dem Schulgelände nach meiner Hand.
Ich ignorierte meinen Kopf, der mich mahnte, sie zurückzuziehen. Wir waren Freunde. Die besten. Nicht mehr und nicht weniger.
»Weißt du noch?« Er grinste und zog mich sanft hinter sich her, während ich den vorbeilaufenden Schülern finstere Blicke zuwarf.
»Was?« Bens gönnerhaftes Grinsen hatte mich mehr geärgert, als es sollte. Verdammt, ich war immer noch sauer.
»Als du vor vier Jahren vor der Schultür gestanden hast. Da hast du genauso traurig ausgesehen wie gerade.« Er blieb stehen und sah mich aufmerksam an. »Was ist passiert?«
»Ben. Wie immer. Aber ich habe gewonnen.« Ich atmete tief durch und die Wut verrauchte langsam.
»Klar hast du gewonnen.« Er hob den rechten Daumen, ohne die linke Hand von meiner zu lösen. »Also … nun sag schon, weißt du noch?«
»Ich bin Jonah und habe genauso viel Schiss wie du …«
»Du erinnerst dich an meine Worte?«
Mein bester Freund schenkte mir ein typisches Jonah-Lächeln. Eines, dass mein frostiges Herz wie so oft augenblicklich erwärmte. Es passte so wunderbar zu den dunklen Augen und zu den zwei Grübchen in seinen kaffeebraunen Wangen.
»Natürlich. Was denkst du denn?«
Als wäre es gestern gewesen … Plötzlich hatte er neben mir gestanden, als ich mit Tränen kämpfend vor der Schultür mit dem Schicksal gehadert hatte. Mein erster Academy Tag war auch der Tag gewesen, an dem Dad aufgehört hatte, sich gegen den Rollstuhl zu wehren. Inzwischen verließ er sein Bett kaum noch, wurde mit einer Ernährungssonde versorgt, unterhielt sich mit uns über das sündhaft teure Augensteuerungsgerät am Computer.
Jonah hatte mir eine Packung Taschentücher in die Hand gedrückt und sie mir samt seiner Freundschaft geschenkt. Eine Freundschaft, die mich vier lange High School Jahre irgendwie überstehen ließ. Eine Freundschaft, die mir wichtiger war als das zweitbeste Abschlusszeugnis der Academy. Eine Freundschaft, die für immer halten würde. Jonah war der Erste, der mir nach dem Aufstehen mit einer fröhlichen SMS Guten Morgen wünschte und der Letzte, der abends gute Nacht simste.
»Als wäre es gestern gewesen«, wiederholte er meine Gedanken.
Ich wunderte mich nicht mehr darüber. Wir verstanden uns blind - obwohl wir eigentlich wie Feuer und Eis waren. Ich ging Konflikten selten aus dem Weg, er machte einen Bogen um jeden Streit. Jonah war einen Kopf größer als ich, sportlich, hatte diesen offenen, freundlichen Blick, der sofort Vertrauen weckte – warm, dunkelbraun, ehrlich. Ich hasste Sport, schenkte niemandem in der Academy ein Lächeln und war davon überzeugt, dass Höflichkeit hier reine Zeitverschwendung war.
Wir waren wie Hitze und Frost. Wie Licht und Schatten. Wie Schwarz und Weiß. Im wahrsten Sinne des Wortes. Doch Eines hatten wir gemeinsam: Wir waren vom ersten Tag Academy-Außenseiter gewesen.
»Ob es uns fehlen wird?« Jonah zwinkerte mir zu.
»Was? Die Schule? Ben? Ganz bestimmt nicht!«, erklärte ich entschieden. »Freiheit!«
»Freiheit!«, bestätigte Jonah und riss triumphierend meinen Arm hoch.
»Hey, Cooper.«
Ich fuhr zusammen. Du meine Güte. Ben Fletcher. Schon wieder. Ich dachte, ich hätte ihn vergrault mit meinem Mörderblick. Musste er zum krönenden Abschluss tatsächlich auch noch Jonah anblaffen?
»Was willst du denn schon wieder?« Ich zog meine Hand aus Jonahs und blitzte ihn an.
»Hallo Ben. Was gibt’s?«, erkundigte sich Jonah freundlich.
Eine Spur zu freundlich …
»Händchen halten am letzten Schultag? Ich dachte, ihr wärt nur Freunde.«
»Die besten«, entgegnete Jonah. »Was dagegen?«
Huch. So kannte ich den allzeit höflichen Jonah Cooper gar nicht. Der drohende Unterton war unüberhörbar gewesen.
»Manche mögen eben kleine schlechtgelaunte Kratzbürsten. Vielleicht lächelt sie ja, wenn du sie …«
Weiter kam er nicht. Die schwarze Faust traf Bens Kinn, bevor er sich ducken konnte. Er fiel zwar nicht, strauchelte aber und fing sich erst in letzter Sekunde wieder.
»Verzieh dich«, zischte Jonah, griff demonstrativ ein zweites Mal nach meiner Hand.
Über einen Schneesturm im Hochsommer hätte ich mich weniger gewundert als über das, was gerade geschehen war.  Jonah prügelte sich nicht. Nie!
Und Ben war entweder genauso überrascht wie ich, oder Jonah Cooper, der freundlichste, hilfsbereiteste Außenseiter der Academy hatte ihm tatsächlich gerade so etwas wie Angst eingejagt, denn er drehte sich um und entfernte sich leise fluchend.
Schweigend erreichten wir sein Auto, das auch heute so gar nicht zwischen die vielen Luxusschlitten passen wollte. Schüler der Eastside Academy fuhren selbst oder wurden abgeholt … von Eltern oder Chauffeuren. Doch Jonah hatte an Wochenenden und während der Schulferien im Home Depot an der Kasse gestanden, bis er genug zusammengespart hatte. Nicht, dass seine Eltern ihm keinen Audi oder BMW kaufen konnten. Das bekannte Bauunternehmer-Ehepaar hätte ihm mit Leichtigkeit jährlich einen neuen Wagen spendieren können. Doch weder sie noch Jonah wollten das. Ich entzog mich seinem sanften Griff, lehnte mich gegen die Motorhaube und schüttelte verwirrt den Kopf.
»Nun komm schon, Lilly. Ist ja nichts passiert.«
Er öffnete die Tür und schob mich auf den Beifahrersitz.
»Nichts passiert? Du hast Ben die Faust ins Gesicht gehauen«, rief ich ihm hinterher, als er das Auto umrundete, und zog die Tür zu.
Mit einem schiefen Grinsen und stolzgeschwellter Brust setzte er sich hinters Steuer, schob den Zündschlüssel ins Schloss und ließ den Motor aufheulen.
»Gut gemacht!« Ein bisschen Lob hatte er auf jeden Fall verdient.
»Ich weiß. Hätte ich längst tun sollen.« Damit war für ihn das Thema offenbar erledigt. »Das war‘s also. In ein paar Wochen bin ich schon in Afrika.« Jonah reihte sich in die Autoschlange ein und seufzte leise. Seine Stimme klang ein wenig belegt und das lag nicht an dem Kinnhaken. Auch mir wurde plötzlich eng ums Herz.
»Ja, das war‘s.«
Freiheit. Hatte ich mich vor einigen Minuten tatsächlich darüber gefreut? Hatte ich vergessen, dass sie einen Preis hatte? In acht Wochen würde Jonah sich für zwölf lange Monate verdrücken. Er würde ein soziales Jahr in Kenia einlegen, bei Freunden seines Vaters wohnen und dort in einer Schule arbeiten. Und ich würde in der Nähe meiner Eltern bleiben, denn die beiden brauchten mich mehr als Jonah. Aber ich … ich brauchte Jonah. Ohne ihn würde der graue Alltag noch grauer werden. Er war der Farbklecks in meinem beschissenen Leben. Er füllte die blasse Lilly-Lebensleinwand täglich mit allen Farben des Regenbogens.
»Und ich darf mich in ein paar Wochen auf der University of Michigan mit neuen Bens und Marges herumschlagen«, sagte ich und strengte mich sehr an, wenigstens einigermaßen fröhlich zu klingen.
Er durfte mich einfach nicht verlassen. Seit Wochen brütete ich über einem Plan, um genau das zu verhindern. Einen Plan, den ich heute noch in die Tat umsetzen würde. Heute würde ich ihn meinen Eltern vorstellen. Genau das hatte ich nämlich bis jetzt vermieden. Jonah kannte Mom und Dad nur vom Erzählen und von den Fotos auf meinem Handy. Nicht, dass ich mich für unseren Trailer schämte, oder gar für meine Eltern. Nein, ich schämte mich eigentlich für gar nichts. Aber ich wollte kein Mitleid. Von niemandem. Und von Jonah schon mal gar nicht. Bis jetzt. Denn genau das sollte er empfinden, wenn er später unsere Wohnschachtel betrat. Wenn er jetzt sah, wie schlecht es Dad ging, wie traurig Mom war, wie hässlich mein Leben war, dann würde er erkennen, wie sehr ich ihn brauchte. Als Freund. Ja, mein Plan war nicht besonders fair. Aber nötig.  
»Ich musste gerade an unser Projekt denken«, wechselte ich das Thema. Ich musste den richtigen Moment für mein Vorhaben erwischen, und noch war er nicht gekommen. »Eigentlich schade, dass unser Bild in ein paar Tagen verschwindet.«  
Ich hatte mit dem Sprayen schon vor Dads Krankheit begonnen und irgendwann Jonah mit meiner Leidenschaft angesteckt. Seit drei Jahren hinterließen wir unsere Spuren auf den Abbruchhäuser seiner Eltern.
»Finde ich auch. Die Trauerweide ist genial geworden. Und der Wald und die Tiere. Die Häuser und die kleinen Pfade … Ob ich Dad fragen soll, ob er die Renovierungsarbeiten verschieben kann?«
»Natürlich musst du ihn nicht fragen, Jonah«, antwortete ich. »Deine Eltern sind schließlich an Terminpläne gebunden. Sie finden sicher ein neues Haus … eine neue Wand für uns. Das machen wir doch schon seit Jahren so.«
Ab und zu erinnerten mich Jonahs Eltern an eine moderne Version von Robin Hood. Das Bauunternehmerpaar verkaufte den Reichen Traumvillen – und steckte einen Teil des Gewinns in echte Hilfe – in Viertel, wie jenes in Detroit, wo sie gerade Häuser renovierten, manche abrissen, Grünflächen anlegten und wo selbst die Straßen und Gehwege ein Makeover bekamen. Die Seitenwand eines dieser Häuser diente uns zurzeit als Leinwand für unser neuestes Bild.
»Das stimmt. Aber dieses Projekt … ist irgendwie anders. Findest du nicht?«
Sein Blick traf mich – und ließ mich hart schlucken. Es kam nicht oft vor, dass in seinen dunkelbraunen Augen etwas aufblitzte, das über Freundschaft hinausging. Aber jetzt war es wieder da. Etwas, das gerade Bens Kinn getroffen hatte.  Etwas, für das ich nicht bereit war. Ich würde niemals jemanden so in mein Herz lassen, wie Mom es bei Dad getan hatte. Wozu das führte, sah ich jeden Tag. Liebe tat weh. Liebe ließ Narben zurück. Das brauchte ich nicht. Nicht heute, nicht in zehn Jahren. Nicht in diesem Leben.
Mit größter Anstrengung kämpfte ich das Flattern in der Kehle nieder, so wie immer, wenn die Mauer, die ich so gekonnt um mein Herz gezogen hatte, Risse bekam.
Verdammt.
Verzweifelt hielt ich mich an der Tasche auf meinem Schoß fest. Darin befanden sich meine schwarze Lieblingslochjeans und mein graues Schlabber-Tank-Top - Kleidung, die ich, sobald wir an dem Haus angekommen waren, zum letzten Mal gegen den elenden karierten Schuluniformrock und das hässliche blaue Poloshirt tauschen würde, ebenso wie die biederen Mary Jane Schuhe gegen die verschlissenen schwarzen Schnürstiefel, die ebenfalls in der Tasche steckten. Ich warf einen Blick auf die Sprühdosen und die zwei Atemschutzmasken in dem Pappkarton auf dem Rücksitz neben Jonahs makelloser Jeans und einem weißen Shirt, das selbst nach stundenlangem Sprayen noch wie frisch gewaschen aussehen würde.
Jetzt oder nie!
»Ich möchte, dass du meine Eltern kennenlernst«, platzte ich heraus, als er gerade den Blinker setzte und vom Schulgelände fuhr.
»Jetzt? Sofort?« Er räusperte sich und strahlte.
Ich hörte genau, wie sehr er sich über dieses Angebot freute … und wie sehr es ihn überraschte.
»Nein, Jonah. Später. Erst geht es zu unserem Haus.«
Ich musterte ihn flüchtig von der Seite. Für einen winzigen Moment wünschte ich mir, er würde es schaffen – den Riss in der Mauer zu vergrößern, sie einzureißen und Licht und Luft an mein Herz zu lassen. Irgendwann erstickte es sonst.

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