Wo Kreativität unter Erwartungen leidet – und warum wir alle ein Stück Verantwortung tragen11/17/2025 Auf Instagram ist das Thema Burnout im Buchmarkt gerade überall und inzwischen habe ich fast das Gefühl, dass sich ein Trend daraus entwickelt hat. Ein Trend, dem viele folgen, oft mit sehr persönlichen Posts, die teilweise berühren, teilweise aber auch ein wenig wie „Vielleicht sollte ich jetzt auch etwas dazu sagen…“ wirken könnten. Das meine ich nicht wertend. Jede Erfahrung ist echt, jede Erschöpfung verdient Raum. Und trotzdem frage ich mich manchmal, ob wir gerade über das Richtige sprechen – oder ob wir uns ein wenig in der Dynamik verlieren. Ob wir Hinweise auf ein wichtiges Thema sehen, oder ob wir anfangen, ein wichtiges Thema algorithmustauglich zu verpacken. Es gibt einige Facetten an diesem Thema, die in der aktuellen Instagram-Welle ein wenig untergehen. Und genau diese möchte ich hier aufgreifen. Autor*in sein – zwischen Freiheit und Druck Ich liebe das Schreiben. Ich kann nicht ohne. Für mich ist es kein Hobby und auch kein Lifestyle – es ist mein Beruf, meine Art zu denken, zu leben, zu atmen. Und gleichzeitig weiß ich, dass dieser Beruf Freiheiten bietet, von denen viele Menschen nur träumen. Während andere tagtäglich vielleicht Jobs machen, die sie auslaugen, die sie aber für ihren Lebensunterhalt brauchen, darf ich kreativ arbeiten. Ich bestimme meine Zeit, meine Themen, meine Art zu erzählen. Das ist ein Privileg – und es bleibt eines, selbst wenn der Druck wächst. Das bedeutet nicht, dass Burnout weniger real wäre. Es bedeutet nur, dass wir den Druck in Relation setzen dürfen. Und sollten. Wenn der Markt schneller rennt, als wir laufen können Ja: Die Erwartung, ständig präsent zu sein, ist enorm. Social Media funktioniert nicht mit Pausen, sondern mit Dauerfeuer. Reels, Lives, Updates, Preorder-Links, “Hast du schon die Cover-Reveal-Aktion gesehen?”, Messen, Events, Hypes. Gleichzeitig sollen wir schreiben. Möglichst schnell. Möglichst viel. Möglichst passend zum Trend, aber natürlich individuell und einzigartig. Dazu Produktionszyklen, Feedbackschleifen, Lektorat, Cover, Bonusmaterial, Weltenbau – und alles in einer Qualität, die in einem überfüllten Markt hervorsticht. Es wäre gelogen zu sagen, das sei leicht. Aber: Wir haben Handlungsspielraum. Mehr als wir oft glauben. Was ich bei all den Diskussionen manchmal vermisse, ist dieser Gedanke: Wir können Dinge verändern. Nicht alles. Aber einiges. Wir können entscheiden,
Der notwendige Blick in den Spiegel – ein unbequemer, aber wichtiger Gedanke An dieser Stelle könnte sich jemand melden und sagen: „Stopp! Du tust ja so, als könnten Verlagsautor*innen einfach beschließen, langsamer zu machen. Schließlich hängen Deadlines, Marketingpläne, Budgetentscheidungen und ganze Produktionsketten, davon ab, was die Verlage vorgeben. Und überhaupt haben Verlagsautor*innen doch einen viel größeren Druck als Self-Publisher*innen. Können sie das überhaupt? Können Verlagsautor*innen es sich leisten, einen Hype zu ignorieren? Oder eine Special Edition abzulehnen? Können sie wirklich aus dem vorgegebenen Veröffentlichungsrhythmus ausbrechen?“ Zunächst einmal muss klar und deutlich gesagt werden, dass der Druck auf beiden Seiten da ist. Self-Publisher*innen tragen zwar keine Verlagsstrukturen im Rücken, dafür aber die gesamte Verantwortung für Sichtbarkeit, Kosten, Vermarktung und Erfolg. Der eigentliche Unterschied liegt nicht in der Schwere des Drucks – sondern in der Möglichkeit, schneller handeln zu können. Self-Publisher*innen können Veröffentlichungsrhythmen anpassen, Trends ignorieren, Preise verändern, Marketing neu ausrichten, Pausen einlegen. All das klingt leichter, als es ist – aber es ist möglich. Und jede Entscheidung trägt eigene Konsequenzen. Verlagsautor*innen hingegen bewegen sich in Strukturen, die oft wenig Spielraum lassen. Und wir alle wissen: Solange ein System wirtschaftlich funktioniert, ändert sich kaum etwas an den Abläufen und Erwartungen. Also zurück zur Frage: Können Verlags*autorinnen es sich leisten, etwas zu ändern? Meine Antwort: Ja, aber nicht ohne Risiko. Vielleicht würde ein Vertrag nicht verlängert. Vielleicht wären Sichtbarkeit und Vorschüsse geringer. Vielleicht würde der Star-Status bröckeln. Und genau hier lohnt sich die ehrliche Frage: Wenn es uns wirklich so schlecht geht – warum fällt es uns so schwer, einen Schritt zurückzutreten? Was wollen wir mehr? Künstlerische Freiheit? Oder Ansehen, Bestsellerlisten, Hofierung und große Vorschüsse? Das ist unbequem. Aber es ist nicht falsch, es auszusprechen. Und wenn wir nicht bereit sind, diese Dinge zu hinterfragen – und wenn es nötig ist, für mehr künstlerische Autonomie auch einen Nebenjob anzunehmen – dann ist die Frage erlaubt, ob wir uns zu Recht beklagen oder ob wir ein System mit aufrechterhalten, das uns doch eigentlich erschöpft. Nur wenn genug Verlagsautor*innen bewusst bremsen, wird sich etwas bewegen. Nur wenn Self-Publisher*innen sich die Zeit nehmen, die sie brauchen, um gute Bücher zu schreiben, verschieben sich Erwartungen. Nur wenn wir kollektiv Trends hinterfragen – Hypes, Farbschnitte, Veröffentlichungsrhythmen – entsteht Veränderung. Und dann ist da die andere Seite: die Nachfrage Wenn wir über Druck reden, dann nicht nur über den, der bei Autor*innen entsteht. Marktmechaniken entstehen nicht einseitig. Sie entstehen zwischen denen, die produzieren – und denen, die konsumieren. Deshalb möchte ich das hier sagen, ohne Vorwurf, sondern als Beobachtung: Leser*innen und Blogger*innen prägen den Buchmarkt genauso wie wir. Und manchmal verstärken wir alle zusammen genau die Dynamiken, über die wir uns später wundern. Hypes, Farbschnitte, Special Editions – und was sie wirklich bedeuten Ich verstehe es vollkommen: Ein Farbschnitt ist wunderschön. Bonusmaterial ist aufregend. Special Editions fühlen sich wie kleine Schätze an. Aber jedes Extra bedeutet:
Ja, Begeisterung für Bücher ist etwas Großartiges. Aber es gibt einen Unterschied zwischen Freude und Anspruch. Wenn ein Buch erscheint und sofort die Frage kommt: Wann kommt der nächste Teil? Gibt es mehr Content? Gibt es einen Trailer dazu? Charakterkarten? Overlays? – dann, oft unbewusst, entsteht Druck. Nicht absichtlich. Nicht böse gemeint. Aber spürbar. Vielleicht hilft es, wenn wir uns gegenseitig zugestehen, dass Geschichten Zeit brauchen. Dass Autor*innen Menschen sind. Dass Social Media nicht das Maß aller Dinge ist. Und dass Wertschätzung auch bedeuten kann, Geduld zu haben. Am Ende tragen wir alle Verantwortung – und alle können etwas verändern Es geht nicht darum, Schuld zu verteilen. Es geht darum, zu erkennen, dass der Burnout im Buchmarkt nicht durch eine einzelne Gruppe entsteht. Sondern durch viele kleine Entscheidungen, von vielen Menschen, über viele Jahre. Und genauso kann Veränderung beginnen:
Was ich mir wünsche? Eine Branche, in der Bücher in ihrem Tempo entstehen dürfen. In der Leidenschaft wichtiger ist als Algorithmus. In der Vielfalt nicht nur Marketingfloskel ist. Und in der wir alle – jede*r auf seine Weise – Verantwortung übernehmen, bevor wir erschöpft zusammenbrechen. Schreiben darf anstrengend sein. Aber es sollte uns nicht kaputt machen. Und dafür braucht es nicht nur Selbstschutz, sondern auch ein bisschen Mut, Trends zu hinterfragen und neue Wege auszuprobieren. Vielleicht ist das am Ende der ehrlichste Weg aus dem Burnout: Verändern, was wir können. Akzeptieren, was wir nicht brauchen. Und lieben, was bleibt.
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Kirsten GrecoFantasyautorin aus Michigan. Schreibt Magie, trinkt Kaffee, löscht Plotbrände. Archive
November 2025
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