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Ich wünschte, du könntest das lesen ... Ein seltsamer Satz, um einen Blogbeitrag zu beginnen. Und doch stand er plötzlich da, noch bevor der erste Absatz überhaupt existierte. Vielleicht, weil manche Sätze nicht aus einer Idee entstehen, sondern aus einem Gefühl. Und vielleicht auch, weil es im Leben von Menschen, die schreiben, immer wieder Momente gibt, in denen genau dieser Gedanke auftaucht. Für wen wir eigentlich schreiben Leserinnen und Leser denken dabei vermutlich zuerst an sich selbst. An das Buch in ihren Händen. An eine Geschichte, die sie berührt, begleitet oder für ein paar Stunden aus dem Alltag holt. Aber manchmal richtet sich dieser Satz gar nicht an die Menschen, die ein Buch tatsächlich lesen werden. Manchmal richtet er sich an jemanden, der es nicht mehr kann. Schreiben ist ein merkwürdiger Beruf. Einerseits arbeitet man sehr lange allein. Stunden, Tage, Monate sitzt man vor einem Bildschirm und erschafft Welten, die außerhalb des eigenen Kopfes zunächst niemand sehen kann. Andererseits ist Schreiben nie wirklich ein einsamer Prozess. Irgendwo im Hintergrund gibt es immer Menschen, die diesen Weg mitgehen. Menschen, die zuhören, wenn eine Idee noch völlig chaotisch klingt. Menschen, die fragen, woran man gerade arbeitet. Menschen, die sich freuen, wenn aus einer vagen Idee irgendwann ein echtes Buch wird. „Das ist meine Tochter aus Amerika“ Und dann gibt es Menschen, die vielleicht gar nicht genau wissen, wie dieser ganze Bücherkosmos eigentlich funktioniert. Die keine Ahnung haben, wie viele Überarbeitungen ein Kapitel braucht oder wie lange ein Manuskript entstehen kann. Menschen, die aber trotzdem mit einer erstaunlichen Gewissheit davon überzeugt sind, dass das alles ziemlich beeindruckend ist. Wenn ich an meinen Vater denke, fällt mir sofort ein Satz ein, den er gerne gesagt hat, wenn er mich irgendwo vorgestellt hat. Meist mit dieser Mischung aus Ernsthaftigkeit und einem kleinen Funkeln in den Augen: „Das ist meine Tochter aus Amerika. Die schreibt Bücher.“ Es klang immer ein bisschen so, als hätte er persönlich etwas damit zu tun gehabt. Was ich im Grunde auch fair finde. Der stolzeste Nichtleser der Welt Jetzt kommt allerdings der Teil der Geschichte, über den ich heute schmunzeln muss: Er hat kein einziges meiner Bücher gelesen. Nicht eines. Das lag nicht daran, dass er sich nicht dafür interessiert hat. Sondern eher daran, dass er… nun ja, sagen wir: ein sehr selektiver Leser war. Geschichtsbücher vielleicht. Bankauszüge vermutlich auch. Oder den Kicker, wenn Schalke gewonnen hat. Aber Fantasyromane mit mehreren hundert Seiten gehörten eindeutig nicht zu seinem bevorzugten Lesestoff. Das hat ihn allerdings nie daran gehindert, unfassbar stolz darauf zu sein, dass ich sie schreibe. Und ehrlich gesagt ist das eine der schönsten Formen von Unterstützung, die man sich vorstellen kann. Nicht jemand, der jede Seite analysiert, sondern jemand, der einfach sagt: „Das ist großartig. Ich wusste immer, dass du das kannst.“ Die guten Tage und die anderen Ja, es gibt Tage, an denen eine Geschichte wie von selbst fließt. Figuren beginnen zu sprechen, als hätten sie nur darauf gewartet, gehört zu werden. Szenen entstehen fast mühelos. Und dann gibt es die anderen Tage. Tage, an denen man einen Absatz zehnmal liest und immer noch nicht weiß, ob er funktioniert. Tage, an denen eine Geschichte sich plötzlich falsch anfühlt. Tage, an denen man sich fragt, ob man vielleicht doch lieber einen Beruf hätte wählen sollen, bei dem Excel-Tabellen eine größere Rolle spielen. In solchen Momenten sind die Menschen, die an einen glauben, unglaublich wichtig. Nicht unbedingt, weil sie die Geschichten verstehen. Sondern weil sie an die Person dahinter glauben. Vielleicht ist das einer der Gründe, warum der Satz „Ich wünschte, du könntest das lesen“ so viel Gewicht tragen kann. Weil er mehr bedeutet als nur den Wunsch, dass jemand einen Text sieht. Er bedeutet auch: Du warst ein Teil davon. Ein Teil dieses Weges. Ein Teil dieser Geschichten. Der Mensch hinter den BüchernHeute, in einer Zeit, in der Autor*innen auf Social Media sichtbarer sind als je zuvor, wirkt dieser Beruf manchmal sehr öffentlich. Leserinnen sehen Fotos vom Schreibtisch, vom Laptop, von Notizbüchern voller Ideen. Sie sehen Buchveröffentlichungen, Lesungen, Signierstunden. Es wirkt oft leicht. Kreativ. Manchmal sogar ein bisschen glamourös. Aber hinter all dem steht immer noch ein Mensch. Ein Mensch, der Verluste erlebt. Ein Mensch, der krank werden kann. Ein Mensch, der Rückschläge verkraften muss. Und ein Mensch, der manchmal vor einem Bildschirm sitzt und merkt, dass Schreiben plötzlich schwer geworden ist. Denn Geschichten entstehen nicht losgelöst vom Leben. Sie entstehen mitten darin. Alles, was wir erleben, begleitet uns auch an den Schreibtisch. Erinnerungen. Begegnungen. Freude. Zweifel. Und manchmal auch Trauer. Wenn ein Satz plötzlich eine Adresse hat Und dann schreibt man einen Satz und merkt plötzlich, dass er sich an jemanden richtet. An jemanden, der immer ganz selbstverständlich davon überzeugt war, dass seine Tochter Bücher schreiben kann – und dass das offensichtlich etwas ziemlich Besonderes ist. Auch wenn er nie ein einziges davon gelesen hat. Vielleicht gehört auch das zum Schreiben dazu. Dass Bücher nie nur aus der Fantasie einer einzelnen Person entstehen. Sie tragen Spuren der Menschen, die uns geprägt haben. Der Menschen, die uns Mut gemacht haben. Der Menschen, die an uns geglaubt haben, lange bevor wir selbst sicher waren. Manche von ihnen können unsere Geschichten lesen. Andere nicht mehr. Aber vielleicht leben sie trotzdem ein wenig weiter in den Worten, die wir schreiben. In den Themen, die uns wichtig sind. In den Figuren, die wir erschaffen. Und vielleicht auch in diesem einen Satz, der plötzlich am Anfang eines Textes steht. Ich wünschte, du könntest das lesen.
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Kirsten GrecoFantasyautorin aus Michigan. Schreibt Magie, trinkt Kaffee, löscht Plotbrände. Archive
März 2026
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