Kirsten Greco
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Die Sache mit den Neuauflagen

8/6/2025

2 Kommentare

 
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​Du denkst, du bist fertig. Das Buch ist draußen, die Geschichte erzählt, der Punkt gesetzt. Und dann – landet es wieder bei dir. Plötzlich sitzt du da, roter Stift in der Hand, bereit, dein eigenes Werk auseinanderzunehmen.
Oder?
Bist du wirklich bereit, noch einmal tief in die Geschichte einzutauchen? Ehrlich zu dir zu sein, wenn du denkst: Himmel, was habe ich da eigentlich geschrieben?
Das Thema ist für mich gerade ganz aktuell, denn am 12. August erscheint die stark überarbeitete Neuauflage eines "alten" Verlagstitels. 

Warum überhaupt eine Neuauflage?

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​Weil Geschichten mit uns wachsen.
Weil wir als Autor*innen nicht dieselben bleiben, die wir beim Schreiben der ersten Version waren. Und weil Bücher, die wir vor Jahren veröffentlicht haben, oft nicht mehr ganz das sind, was wir heute erzählen würden.
Manchmal geht es dabei nur um ein neues Cover, ein frischeres Lektorat oder eine technische Anpassung. Aber manchmal geht es um mehr. Nicht nur um Stil. Sondern um Haltung. Ton. Tiefe.
Ob Selfpublisher*in oder Verlagsautor*in: Irgendwann steht man vor der Entscheidung, ein älteres Werk noch einmal in die Hand zu nehmen. Für Selfpublisher*innen ist das oft eine freiwillige kreative Entscheidung. Für Verlagsautor*innen beginnt es meist mit der Rückgabe der Rechte. (Kleiner Exkurs zur Vertragsdauer: Unterschreibe niemals – wirklich niemals – einen Vertrag, der bis zum Ende des gesetzlichen Urheberrechtsschutzes läuft. Der endet nämlich 70 Jahre nach dem Tod der Autor*in. Diesen Fehler habe ich bei meinem Debüt gemacht. Und wie viele Kolleg*innen habe ich lange kämpfen müssen, die Rechte an meinem Buch zurückzubekommen, nachdem der Verlag seine Autor*innen schlicht geghostet hat.)
Zum Glück war es dieses Mal nicht so. Als die Rechte an meinem früheren Thienemann-Verlagstitel Shine – Das Licht zwischen den Welten an mich zurückfielen, dachte ich zuerst: einmal drüberlesen, neues Cover, Selfpublishing – fertig.
Tja, falsch gedacht.
Denn aus einer schnellen Überarbeitung wurde ein echter Kraftakt. Weil ich gemerkt habe, dass ich heute anders schreibe. Dass ich anders über meine Figuren denke. Und dass die Geschichte es verdient hat, so erzählt zu werden, wie ich sie heute schreiben würde – ohne ihre Essenz zu verlieren. Ich habe fast einen Monat überarbeitet. Gestrichen, geschärft, neu geschrieben (und war beim Gegenlesen ehrlich gesagt ein bisschen erschrocken, was damals einfach so "durchgewunken" wurde). Rund 80 % des ursprünglichen Textes stehen noch. Der Rest ist gegangen. Oder hat sich verwandelt. Genau wie ich.

Zwei Wege – Verlag oder Selfpublishing?

​Wenn ein Buch zu dir zurückkommt, stehst du als Autor*in vor einer spannenden Entscheidung: Wohin jetzt damit? Grundsätzlich gibt es zwei Wege:
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Ein neuer (kleiner) Verlag
Ein kleiner Verlag kann eine gute Wahl sein, wenn du dich nicht um alles selbst kümmern willst – und eventuell ein wenig mehr Mitspracherecht als bei einem klassischen Publikumsverlag suchst. Viele dieser Verlage haben sich auf bestimmte Genres spezialisiert, arbeiten mit Herzblut und geben alten Titeln gern eine zweite Chance.

​Vorteile:
  • Du bekommst ein neues Lektorat und ein frisches Cover
  • Du profitierst von der Sichtbarkeit des Verlagsprogramms
  • Du musst dich nicht selbst um Technik, Vertrieb oder Marketing kümmern (auch wenn du es oft trotzdem tust ...)
  • Du trittst finanziell nicht in Vorkasse – die Kosten für Lektorat, Satz und Cover übernimmt der Verlag
  • Deine Backlist bekommt neues Leben – im besten Fall mit Leser*innen, die den Verlag bereits kennen und schätzen
Nachteile:
  • Die Vertragsbedingungen können sehr unterschiedlich sein – unbedingt genau lesen!
  • Du gibst wieder Rechte ab – und damit einen Teil der Kontrolle
  • Es dauert meist deutlich länger, bis das Buch erscheint
  • Das Honorar liegt oft unter dem, was im Selfpublishing möglich wäre

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​ Selfpublishing
Selbst verlegen heißt: Du bist dein eigener Verlag.
Du bestimmst nicht nur über Inhalt, Cover und Preis – sondern auch über den Zeitpunkt der Veröffentlichung, das Marketing und alles dazwischen.



​Vorteile:
  • Maximale Freiheit und Kontrolle
  • Höhere Tantiemen (vor allem bei E-Books)
  • Du kannst den Text jederzeit anpassen oder überarbeiten
  • Schnellere Veröffentlichung möglich
Nachteile:
  • Du bist für alles verantwortlich: Lektorat, Korrektorat, Cover, Formatierung, Technik, Buchhaltung, Werbung …
  • Es erfordert Zeit, Wissen (und Budget) – und ein gutes Netzwerk
  • Sichtbarkeit musst du dir selbst erarbeiten
Ich habe mich bei Willow ganz bewusst für den Selfpublishing-Weg entschieden. Nicht, weil ich denke, dass das „besser“ ist – sondern weil ich Lust hatte, dieses Projekt ganz in meine eigenen Hände zu nehmen. Es fühlt sich an wie ein Neustart – aber mit einem Fundament, das schon existiert.


Was kann (und darf) sich ändern?

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Wenn du eine Neuauflage in Angriff nimmst, stellt sich schnell die Frage: Was genau soll eigentlich anders werden?
Und noch wichtiger: Wie machst du transparent, dass es sich nicht um ein komplett neues Buch handelt – sondern um eine überarbeitete Version eines bereits veröffentlichten Titels?
Gerade dieser letzte Punkt ist essenziell. Leser*innen verdienen Klarheit.
Ob im Klappentext, im Impressum oder direkt auf der Produktseite – es sollte offen kommuniziert werden, wenn ein Buch unter einem neuen Titel (und vielleicht mit neuem Cover) noch einmal erscheint.
Nicht alle kennen das Prinzip der „relaunchten Backlist“ – und niemand möchte ein Buch kaufen, das man versehentlich doppelt im Regal stehen hat. Es sei denn, man ist neugierig – und will wissen, wie sich die alte Geschichte in ihrem neuen Kleid macht.

Stil & Sprache
Dein Schreibstil verändert sich mit jedem Buch.
Was sich früher gut angefühlt hat, klingt heute vielleicht zu steif, zu blumig oder einfach nicht mehr wie du. Bei Willow war genau das der Ausgangspunkt: Ich habe Formulierungen gestrafft, Szenen flüssiger gemacht, Monologe gekürzt oder ganz gestrichen – und meinen Figuren einfach mehr Luft gelassen.

Zeitliche Bezüge & Aktualität
Wenn dein Buch in der Gegenwart spielt, aber vor zehn Jahren geschrieben wurde – dann ist die Gegenwart heute eine andere. TikTok war noch Zukunftsmusik, Airbnbs hießen noch „Pensionen“, und wer jemanden mochte, schickte eine SMS – mit T9-Tastatur. Solche Dinge wirken heute schnell angestaubt oder aus der Zeit gefallen. Du musst nicht alles modernisieren – aber es lohnt sich, bewusst hinzuschauen: Passt das noch? Oder ist es nur aus Gewohnheit da?

Dialoge & Figurenentwicklung
Der Ton macht die Musik – und gerade bei Dialogen hat sich bei mir viel verändert. Was früher cool oder witzig klang, fühlt sich heute manchmal aufgesetzt an. Oder zu brav. Manche Figuren wollten mehr Kante, andere mehr Tiefe. Auch die Art, wie sie miteinander sprechen – wie sie streiten, flirten, sich öffnen – hat sich mit der Überarbeitung verändert. Bei Willow habe ich an genau diesen Stellen angesetzt.​
Und so liest sich das, wenn eine Szene ein zweites Leben bekommt. 

Vorher: 
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​Jonah fehlte mir! Jetzt schon. Ein paar Stunden ohne ihn, und es tat weh, nur an ihn zu denken … Genau das war der Grund, warum ich mich bis jetzt so erfolgreich gegen dieses Gefühl gewehrt hatte. Ich hatte mein Herz so prima zugemauert. Und jetzt tat es weh. Die Ecke, in die Jonah sich gestern einfach so eingeschlichen hatte, war leer. Eine Leere, die ich ganz genau spürte. Eine Leere, die mir mehr zu schaffen machte, als die verletzte Schulter.
Nachher:
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​Er fehlte mir! Jetzt schon. Ein paar Stunden ohne ihn, und es tat weh, nur an ihn zu denken. Genau deshalb hatte ich so lange dichtgemacht. Herz zu, Gefühl aus. Hatte wunderbar funktioniert. Bis gestern Abend. Jetzt war die Ecke dieses dämlichen Organs, in die Jonah sich gestern einfach so eingeschlichen hatte, leer. Und diese Leere zog mehr an mir als die Narbe an meiner Schulter. Sie pochte. Und sie ließ sich nicht ignorieren.
Es war der Kuss gewesen. Natürlich war es der Kuss gewesen. Und ich hatte ihn zugelassen. Nicht aus Versehen – ich hatte ihn gewollt. Und Hölle, Jonah küsste, wie jemand, der wusste, was er tat. Wie jemand, der schon viel zu lange gewartet hatte.
In dem Moment war alles gefallen. Alle Ausreden. Alle Lügen, die ich mir mein halbes Leben lang erzählt hatte. Dass da nichts war. Weil ich es nicht wollte. Weil ich ganz genau wusste, wie es aussieht, wenn ein Herz auseinanderbricht. Ich hatte es gesehen – jeden Tag, wenn meine Mutter versuchte, nicht an Dads Krankenbett zu zerbrechen. Ich hatte Angst gehabt, dass mir das auch passieren könnte. Dass ich mich in jemanden verlieben … und ihn wieder verlieren würde. Also hatte ich dicht gemacht.
Vielleicht brauchte es solche Extremsituationen, damit man endlich spürte, was da eigentlich los war im eigenen Herzen. Und vielleicht wäre es später sowieso passiert.
Er hätte gewartet. Weitergemacht. Immer wieder angeklopft, bis ich den verdammten Schlüssel gefunden hätte.

Was ich aus der Überarbeitung mitgenommen habe

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​So anstrengend der Prozess manchmal war – ich bin dankbar, dass ich ihn gegangen bin. Weil ich gesehen habe, wie sehr ich mich als Autorin entwickelt habe. Weil ich heute klarer schreibe, bewusster erzähle, mutiger kürze. Und weil ich gemerkt habe: Es lohnt sich, durchzuhalten – auch wenn Überarbeiten manchmal wehtut. Gerade dann.
Ich habe gelernt, wie wichtig es ist, sich Zeit zu lassen – beim Schreiben, beim Überarbeiten, aber auch bei allem Drumherum.
Zum Beispiel beim Cover. Gerade bei einer Neuauflage kommt dem Design eine besondere Bedeutung zu – es trägt nicht nur den neuen Titel, sondern auch das neue Gefühl, das im Text mitschwingt. Deshalb bin ich umso dankbarer, dass ich mit einer Designerin zusammenarbeiten durfte, die nicht nur Talent, sondern auch ein Gespür für Stimmung, Ton und Geschichte mitgebracht hat. Wenn alles zusammenpasst – Titel, Bild, Farbwelt, Schrift – dann spürt man: Ja. Genau so fühlt sich dieses Buch jetzt an.
Ich habe auch gemerkt, wie wichtig klare Kommunikation ist. Nicht nur gegenüber Leser*innen, wenn es um Neuauflagen geht – sondern auch im Austausch mit Dienstleister*innen, mit Testleser*innen, mit mir selbst.
​Und vielleicht ist das der größte Punkt:

Veröffentlichungen sind nicht nur ein Produkt. Sie sind ein Prozess. Man wächst mit jeder davon.
​Und manchmal entdeckt man eine Geschichte noch einmal ganz neu – obwohl man sie selbst geschrieben hat.

Und jetzt?

​Jetzt ist Willow – Und in mir dein Licht bereit, noch einmal in die Welt zu gehen. Diesmal mit einer Stimme, die mehr nach mir klingt. Mit einem neuen Gewand. Und einem überarbeiteten Kern, der trotzdem dieselbe Geschichte trägt.
Vielleicht kennst du Shine noch von früher. Vielleicht nicht. Vielleicht wirst du beim Lesen Passagen wiedererkennen. Oder überrascht sein, wie anders sich alles anfühlt. Beides ist richtig. Denn Geschichten dürfen wachsen. Genau wie wir. Und manchmal ist eine Neuauflage keine Wiederholung – sondern ein neuer Anfang.
​
PS: Im nächsten Artikel nehme ich euch dann wieder mit in meinen Alltag in Michigan - zwischen Schreibchaos, Farmers Market und Goldendoodle-Spaziergängen. 
2 Kommentare
Ela van de Maan link
8/17/2025 04:03:20 am

Liebe Kirsten, ich kann das so gut nachvollziehen. Ich war zwar bei meiner alten Reihe, die neu aufgelegt wurde nicht ganz so unzufrieden, dass ich so viel ändern hätte wollen, aber ich habe nach vielen Jahren einen weiteren Teil dazu geschrieben und da war es echt schwierig den Ton einigermaßen gleich zu treffen. Ich vermute, dass ich bei einer eventuellen Neuauflage in ein paar Jahren tatsächlich nochmal so richtig drübergehen werde , ob ich allerdings darüber freuen werde, weiß ich noch nicht 😎

Antworten
Kirsten Greco link
8/17/2025 06:56:08 am

Das glaube ich! Ja ... diese Sache mit dem Ton. Verrückt, oder? Wie sich der Stil so ändert bzw. weiterentwickelt mit der Zeit ...

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    Kirsten Greco

    ​Fantasyautorin aus Michigan. Schreibt Magie, trinkt Kaffee, löscht Plotbrände.

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