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Ich wünschte, du könntest das lesen ... Ein seltsamer Satz, um einen Blogbeitrag zu beginnen. Und doch stand er plötzlich da, noch bevor der erste Absatz überhaupt existierte. Vielleicht, weil manche Sätze nicht aus einer Idee entstehen, sondern aus einem Gefühl. Und vielleicht auch, weil es im Leben von Menschen, die schreiben, immer wieder Momente gibt, in denen genau dieser Gedanke auftaucht. Für wen wir eigentlich schreiben Leserinnen und Leser denken dabei vermutlich zuerst an sich selbst. An das Buch in ihren Händen. An eine Geschichte, die sie berührt, begleitet oder für ein paar Stunden aus dem Alltag holt. Aber manchmal richtet sich dieser Satz gar nicht an die Menschen, die ein Buch tatsächlich lesen werden. Manchmal richtet er sich an jemanden, der es nicht mehr kann. Schreiben ist ein merkwürdiger Beruf. Einerseits arbeitet man sehr lange allein. Stunden, Tage, Monate sitzt man vor einem Bildschirm und erschafft Welten, die außerhalb des eigenen Kopfes zunächst niemand sehen kann. Andererseits ist Schreiben nie wirklich ein einsamer Prozess. Irgendwo im Hintergrund gibt es immer Menschen, die diesen Weg mitgehen. Menschen, die zuhören, wenn eine Idee noch völlig chaotisch klingt. Menschen, die fragen, woran man gerade arbeitet. Menschen, die sich freuen, wenn aus einer vagen Idee irgendwann ein echtes Buch wird. „Das ist meine Tochter aus Amerika“ Und dann gibt es Menschen, die vielleicht gar nicht genau wissen, wie dieser ganze Bücherkosmos eigentlich funktioniert. Die keine Ahnung haben, wie viele Überarbeitungen ein Kapitel braucht oder wie lange ein Manuskript entstehen kann. Menschen, die aber trotzdem mit einer erstaunlichen Gewissheit davon überzeugt sind, dass das alles ziemlich beeindruckend ist. Wenn ich an meinen Vater denke, fällt mir sofort ein Satz ein, den er gerne gesagt hat, wenn er mich irgendwo vorgestellt hat. Meist mit dieser Mischung aus Ernsthaftigkeit und einem kleinen Funkeln in den Augen: „Das ist meine Tochter aus Amerika. Die schreibt Bücher.“ Es klang immer ein bisschen so, als hätte er persönlich etwas damit zu tun gehabt. Was ich im Grunde auch fair finde. Der stolzeste Nichtleser der Welt Jetzt kommt allerdings der Teil der Geschichte, über den ich heute schmunzeln muss: Er hat kein einziges meiner Bücher gelesen. Nicht eines. Das lag nicht daran, dass er sich nicht dafür interessiert hat. Sondern eher daran, dass er… nun ja, sagen wir: ein sehr selektiver Leser war. Geschichtsbücher vielleicht. Bankauszüge vermutlich auch. Oder den Kicker, wenn Schalke gewonnen hat. Aber Fantasyromane mit mehreren hundert Seiten gehörten eindeutig nicht zu seinem bevorzugten Lesestoff. Das hat ihn allerdings nie daran gehindert, unfassbar stolz darauf zu sein, dass ich sie schreibe. Und ehrlich gesagt ist das eine der schönsten Formen von Unterstützung, die man sich vorstellen kann. Nicht jemand, der jede Seite analysiert, sondern jemand, der einfach sagt: „Das ist großartig. Ich wusste immer, dass du das kannst.“ Die guten Tage und die anderen Ja, es gibt Tage, an denen eine Geschichte wie von selbst fließt. Figuren beginnen zu sprechen, als hätten sie nur darauf gewartet, gehört zu werden. Szenen entstehen fast mühelos. Und dann gibt es die anderen Tage. Tage, an denen man einen Absatz zehnmal liest und immer noch nicht weiß, ob er funktioniert. Tage, an denen eine Geschichte sich plötzlich falsch anfühlt. Tage, an denen man sich fragt, ob man vielleicht doch lieber einen Beruf hätte wählen sollen, bei dem Excel-Tabellen eine größere Rolle spielen. In solchen Momenten sind die Menschen, die an einen glauben, unglaublich wichtig. Nicht unbedingt, weil sie die Geschichten verstehen. Sondern weil sie an die Person dahinter glauben. Vielleicht ist das einer der Gründe, warum der Satz „Ich wünschte, du könntest das lesen“ so viel Gewicht tragen kann. Weil er mehr bedeutet als nur den Wunsch, dass jemand einen Text sieht. Er bedeutet auch: Du warst ein Teil davon. Ein Teil dieses Weges. Ein Teil dieser Geschichten. Der Mensch hinter den BüchernHeute, in einer Zeit, in der Autor*innen auf Social Media sichtbarer sind als je zuvor, wirkt dieser Beruf manchmal sehr öffentlich. Leserinnen sehen Fotos vom Schreibtisch, vom Laptop, von Notizbüchern voller Ideen. Sie sehen Buchveröffentlichungen, Lesungen, Signierstunden. Es wirkt oft leicht. Kreativ. Manchmal sogar ein bisschen glamourös. Aber hinter all dem steht immer noch ein Mensch. Ein Mensch, der Verluste erlebt. Ein Mensch, der krank werden kann. Ein Mensch, der Rückschläge verkraften muss. Und ein Mensch, der manchmal vor einem Bildschirm sitzt und merkt, dass Schreiben plötzlich schwer geworden ist. Denn Geschichten entstehen nicht losgelöst vom Leben. Sie entstehen mitten darin. Alles, was wir erleben, begleitet uns auch an den Schreibtisch. Erinnerungen. Begegnungen. Freude. Zweifel. Und manchmal auch Trauer. Wenn ein Satz plötzlich eine Adresse hat Und dann schreibt man einen Satz und merkt plötzlich, dass er sich an jemanden richtet. An jemanden, der immer ganz selbstverständlich davon überzeugt war, dass seine Tochter Bücher schreiben kann – und dass das offensichtlich etwas ziemlich Besonderes ist. Auch wenn er nie ein einziges davon gelesen hat. Vielleicht gehört auch das zum Schreiben dazu. Dass Bücher nie nur aus der Fantasie einer einzelnen Person entstehen. Sie tragen Spuren der Menschen, die uns geprägt haben. Der Menschen, die uns Mut gemacht haben. Der Menschen, die an uns geglaubt haben, lange bevor wir selbst sicher waren. Manche von ihnen können unsere Geschichten lesen. Andere nicht mehr. Aber vielleicht leben sie trotzdem ein wenig weiter in den Worten, die wir schreiben. In den Themen, die uns wichtig sind. In den Figuren, die wir erschaffen. Und vielleicht auch in diesem einen Satz, der plötzlich am Anfang eines Textes steht. Ich wünschte, du könntest das lesen.
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Im Moment steckt Michigan mitten in einem dieser Winter, die selbst alteingesessene Bewohner kurz innehalten lassen. Klirrende Kälte, Schnee, der sich hartnäckig hält, und Tage, an denen der Himmel fast unfair blau ist – was die Temperaturen leider völlig unbeeindruckt lässt. Zeit, mich daran zu erinnern, warum ich meine Wahlheimat liebe – und was Michigan so besonders macht. Noch einmal zur Erinnerung: 1999 bin ich mit meinem Mann und unseren zwei Töchtern nach Michigan gezogen. Was ursprünglich nur als beruflicher Schritt für meinen Mann gedacht war, wurde für uns alle zu einem neuen Zuhause. Und zu einem Ort, der sich leise, aber hartnäckig in meine Bücher hineingeschrieben hat. Wenn mich heute jemand fragt, was Michigan ausmacht, denke ich nicht zuerst an Städte oder Sehenswürdigkeiten. Ich denke an Wasser. An Zikadengesänge im Sommer und den Geruch von Schnee im Winter. An weite, manchmal herbe Landschaft. An die Menschen, die hier leben. Und an erstaunlich gutes Essen. Die Sache mit dem Mitten Bei uns gibt es eine Navigationsmethode, die Google Maps glatt in den Schatten stellt: die eigene Hand. Michigan hat nämlich die Form eines Handschuhs –– zumindest der südliche Teil. Die sogenannte Lower Peninsula wird deshalb liebevoll „The Mitten“ genannt. Statt eine Karte zu zücken, hebt man hier ganz selbstverständlich die Hand und zeigt darauf, wo ein Ort liegt. „Hier oben“, „da drüben am Daumen“, „ungefähr hier am Handgelenk“ – und alle nicken wissend. Als ich das zum ersten Mal erlebt habe, war ich überzeugt, dass ich irgendeinen Insiderwitz verpasst habe. Inzwischen weiß ich: Nein, das ist einfach Alltag. Und ja, irgendwann fängt man selbst damit an. Es ist so eine dieser charmanten Eigenheiten, die Michigan für mich ausmachen. Praktisch, ein bisschen skurril – und erstaunlich verbindend, weil gefühlt jeder sofort versteht, wovon man spricht. PS: Natürlich gehört auch die Upper Peninsula zu Michigan. Und wer dort lebt, erinnert einen gern daran – meist mit einem gewissen Stolz und einem kleinen Augenzwinkern. Die UP lässt sich allerdings schwer auf einer Hand unterbringen, weshalb sie bei dieser GPS-Methode leider durchs Raster fällt. Sie wird übrigens gern mit einem rennenden Hasen verglichen und mit etwas Fantasie erkennt man Kopf, Körper und Ohren ziemlich gut. n. Höflich, sportlich, frostresistent: Die Michigander Die Michigander – so nennt man die Menschen, die hier leben – sind in vielerlei Hinsicht bemerkenswert. Fast alle, und ich betone fast alle, sind höflich und zuvorkommend. Türen werden aufgehalten, ein Lächeln ist fast selbstverständlich. Gleichzeitig sind sie unglaublich sportbegeistert. Egal ob American Football mit den Lions, Eishockey bei den Red Wings, Baseball bei den Tigers oder Basketball mit den Pistons – irgendwo fiebert immer jemand mit, diskutiert, feuert an. Und dann ist da noch die Art, wie sie sich mit dem Wetter arrangieren. Durchschnittliche Winter werden mit einem Schulterzucken hingenommen. Und ja, kein Witz … bei minus 20 Grad Celsius sieht man sie trotzdem in Shorts, gern kombiniert mit einer dicken Winterjacke. So viel Pragmatismus verdient fast schon Respekt – besonders aus deutscher Sicht. If you don’t like the weather… Und wo wir gerade beim Wetter sind. Michigan kennt einen sehr langen, sehr kalten Winter mit reichlich Schnee. Der Frühling scheint gefühlt nur einen Tag zu dauern, bevor ein wunderbar warmer Sommer einsetzt, der später in den Indian Summer und den Herbst übergeht. Einen typischen Sommer- oder Wintertag? Gibt es hier schlicht nicht. Hier sagt man gern: “If you don’t like the weather, wait five minutes.” Und tatsächlich fühlt es sich manchmal genau so an. Temperaturen und Wetter können sich – wenn nicht im Minutentakt, dann ganz sicher von einem Tag auf den nächsten - drastisch ändern. Ebenfalls typisch für Michigan: Neben den klassischen vier Jahreszeiten gibt es noch eine fünfte, die sogenannte Baustellensaison. Sobald der Schnee geschmolzen ist, werden die Straßen repariert und die vielen Schlaglöcher gestopft, die der Winter hinterlassen hat. Die einzige Saison in der selbst Michigander mit ihrem Pragmatismus gelegentlich an Grenzen stoßen. Lake Feeling – Wenn Wasser den Alltag bestimmt Michigan trägt seinen Beinamen Great Lakes State vollkommen zu Recht. Man sagt, dass man hier niemals weiter als sechs Meilen von einem See entfernt ist. Bei mir trifft das ganz besonders zu: In alle vier Himmelsrichtungen liegen höchstens zwei Meilen zwischen mir und irgendeinem Gewässer. Das Bewusstsein, dass Seen nie weit sind, verändert den Alltag. Sie sind hier keine Ausflugsziele, sondern Teil des Lebensrhythmus. Sommerabende bringen Sonnenuntergänge über spiegelglattem Wasser, während im Winter die meisten Seen komplett zufrieren. Und dann sind da natürlich die Great Lakes - Gewässer von einer Größe, die fast schon an Ozeane erinnern. Lake Michigan, Lake Huron, Lake Superior, Lake Erie und Lake Ontario prägen Klima, Landschaft und Mentalität. Vielleicht ist genau dieses Gefühl von Weite und unterschwelliger Wildheit einer der Gründe, warum ich Michigan so gern als Setting für meine Bücher nutze. Am stärksten spürt man dieses „Lake Feeling“ vermutlich in meiner Guardian Angel-Dilogie. Dort ist das Wasser nicht nur Kulisse, sondern Atmosphäre und treibt die Handlung voran. Motor City – Wenn Autos Kultur sind Ohne die Automobilindustrie wären wir vermutlich nie hier gelandet. Der Job meines Mannes in diesem Bereich war damals der eigentliche Auslöser für unseren Umzug. Und ehrlich: Was wäre Michigan schon ohne den Herzschlag der Motoren? Detroit trägt nicht umsonst den Spitznamen Motor City. Hier wurden nicht nur Autos gebaut – hier wurde eine ganze Kultur geprägt. Für viele Familien gehört die Autoindustrie seit Generationen zur Lebensgeschichte. Diese Verbindung spürt man überall, besonders bei der legendären Woodward Dream Cruise, bei dem jedes Jahr tausende klassische Fahrzeuge über die Straßen rollen und Detroit sich für einen Tag in ein lebendiges Automuseum verwandelt. Wer die Geschichte der Autos und der Region hautnah erleben möchte, sollte auch das Henry Ford Museum besuchen – ein Ort voller Innovationen, Geschichten und rollender Legenden. Und natürlich darf die Detroit Autoshow nicht fehlen, ein jährliches Highlight, bei dem neue Modelle, Konzepte und jede Menge Motorenpower gezeigt werden. Die raue Schönheit des NordensDoch zurück zur Natur, die mich - wenn ich ehrlich bin - doch mehr fasziniert, als … nun ja … Motoren. Und je weiter man nach Norden reist, desto ursprünglicher wird Michigan. Ein besonderer Ort ist Mackinac Island – (ein Wort, das man anders ausspricht, als es aussieht: Mackinaw (mit extra langem a). Auf der Insel sind private Autos verboten, take that Detroit! Stattdessen bewegt man sich mit Fahrrädern oder Pferdekutschen fort und die Zeit scheint langsamer zu laufen, fast nostalgisch. Noch weiter nördlich liegt die Upper Peninsula, liebevoll „UP“ genannt. Die Locals nennt man „Yoopers“ – und tragen diesen Titel mit einer Mischung aus Stolz und trockenem Humor. Die Landschaft dort oben ist wild und beeindruckend: Die Tahquamenon Falls (Zungenbrecher!) gehören zu den größten Wasserfällen östlich des Mississippi, die farbenprächtigen Klippen der Pictured Rocks wirken, als hätte jemand sie mit Aquarellfarben bemalt, und die Porcupine Mountains bieten mit ihren endlosen Wäldern und Aussichtspunkten eine fast meditative Ruhe. Ganz im Norden liegt übrigens Copper Harbor – ein Ort, der in meiner noch supergeheimen Trilogie eine ziemlich wichtige Rolle spielen wird. Die abgeschiedene Lage, die felsigen Küsten und der Blick auf den Lake Superior machen den Ort zu etwas Besonderem. Stay tuned … Leuchttürme – Wächter zwischen Wasser und Himmel Und dann sind da noch die Leuchttürme. Michigan besitzt mehr davon als jeder andere US-Bundesstaat. Und ja, selbst in Detroit gibt es einen. Besonders mag ich übrigens den Leuchtturm in St. Joseph. (Wer meine Guardian Angel gelesen hat, erinnert sich vielleicht an diese eine Szene … ) Egal ob im Sommer im warmen Abendlicht oder im Winter, wenn Eis und Schnee ihn in eine fast surreale Skulptur verwandeln – dieser Ort hat für mich etwas Magisches. Was Michigan schmeckt Kulinarisch hat Michigan mehr zu bieten, als man auf den ersten Blick vermuten würde. Allen voran die berühmten Kirschen aus Traverse City, das sich selbstbewusst Cherry Capital of the World nennt. Während der Erntezeit scheint sich hier alles um Kirschen zu drehen – von Kuchen über Saucen bis zu Getränken. Dann gibt es die unverwechselbare Detroit Style Pizza mit ihrer rechteckigen Form, dem luftigen Teig und dem karamellisierten Käserand. Lecker! Ein Klassiker mit Kultstatus sind außerdem die Detroit Coney Dogs – Hotdogs mit Chili-Sauce, Senf und Zwiebeln, über deren beste Version leidenschaftlich diskutiert wird. Michigan besitzt außerdem eine außergewöhnlich lebendige Craft-Beer-Szene, die weit über den Bundesstaat hinaus bekannt ist. (… und ich taste mich noch immer durch die ganze Auswahl) Herbst bedeutet hier traditionell Ausflüge zu den Apfelplantagen (Apple Orchards) und Cider Mills, wo man frisch gepressten Apfel-Cider bekommt und – ganz wichtig - warme Donuts. Ein Ritual, das fast jeder hier mit Kindheitserinnerungen verbindet. Und dann wäre da noch der berühmte Mackinac Fudge, der auf der Insel frisch auf Marmortischen hergestellt wird. Und last, but noch least: Vernors Ginger Ale – ein Getränk, das laut Einheimischen so ziemlich alles heilt. Erkältung, Heimweh, schlechte Tage … Vernors ist angeblich für alles zuständig. Natürlich gibt es noch zahlreiche lokale Geheimtipps, die man als Besucher leicht übersehen kann. Wer den Südosten Michigans besucht, sollte sich vorher unbedingt bei mir melden – dann verrate ich, wo es die wirklich guten Sachen gibt. … immer einzigartig Michigan ist kein Ort, der sich auf den ersten Blick aufdrängt. Seine Schönheit ist oft leise. Sie liegt im Licht über dem Wasser, in endlosen Straßen, die durch Wälder führen, im Geruch von Herbstlaub und Apfelcider – und manchmal im Geräusch eines Motors, der hier genauso zur Landschaft gehört wie die Seen. Als ich 1999 hierherkam, war Michigan ein Abenteuer. Heute ist es Inspiration, Heimat und ein Ort, den ich immer wieder neu entdecke - sowohl in meinem Leben als auch in meinen Geschichten. Typisch Michigan eben: mal unscheinbar, mal überraschend, aber immer einzigartig. Der Januar in Michigan fühlt sich selten wie ein lauter Neubeginn an. Eher wie ein leiser Übergang, bei dem die Welt kurz innehält, bevor sie sich wieder bewegt. Der Himmel hängt tief über verschneiten Straßen, der Wind ist klar und kompromisslos und die Kälte sorgt nicht nur für rote Nasen, sondern auch für überraschend klare Gedanken. Selbst Geräusche wirken gedämpfter, als hätten sie beschlossen, sich dem Tempo dieses Monats anzupassen. Ein Anfang ohne Feuerwerk Wenn ich morgens die Haustür öffne, trifft mich zuerst diese eine Sekunde eisiger Kälte, die gleichzeitig wach macht und daran erinnert, dass man hier nicht unvorbereitet rausgeht. Schnee knirscht unter den Schuhen, Autos fahren langsamer – oder sollten es zumindest – und irgendwo in dieser entschleunigten Bewegung liegt eine Ruhe, die mich jedes Jahr aufs Neue einfängt. Vielleicht mag ich den Januar aber auch deshalb so sehr, weil ich weiß, dass er nicht bleibt. Dass das Jahr wieder Fahrt aufnehmen wird, die Tage länger, die Jacken leichter und die Gedanken luftiger. Und genau diese Gewissheit macht die Stille erträglich – und schön. Der Januar in Michigan ist kein Feuerwerk. Er ist ein Anfang. Ein Anfang, der nicht drängt, sondern Raum lässt. Ein Anfang, bei dem ich immer wieder bei mir ankomme. Und bei meinen Geschichten. Mehr als eine Adresse Vor ein paar Tagen bin ich aus Deutschland zurückgekommen. Zum ersten Mal seit wir nach Michigan gezogen sind, habe ich die Feiertage wieder dort verbracht. Und vielleicht war genau das der Grund, warum sich dieser Januar nicht wie ein klassischer Neustart anfühlt, sondern wie ein bewusstes Weitergehen. Diese Woche in Deutschland war nichts Spektakuläres. Sie war einfach … Leben. Gespräche ohne Zeitdruck, Stimmen, die vertraut waren, ohne sich erklären zu müssen, gemeinsames Lachen, Erinnerungen, die nicht nach Aufmerksamkeit gefragt haben. Zeit mit Familie und Freunden, die nicht geplant werden musste, um wertvoll zu sein. Was von diesen Tagen geblieben ist, war vor allem ein stilles Gefühl von Dankbarkeit – für Nähe ohne Aufwand und für Verbindungen, die auch über Entfernungen hinweg bestehen. Und eigentlich stehe ich gar nicht zwischen zwei Orten, sondern bin in beiden zu Hause. Und vielleicht ist genau das der Moment, in dem man aufhört zu suchen, wo man hingehört, sondern einfach weiß, dass Zugehörigkeit mehr als eine Adresse haben darf. Genau mit diesem Gefühl bin ich in diesen Januar gestartet. Kein Druck, keine Listen, keine Vorsätze Jedes Jahr scheint die Welt im Januar kollektiv zu beschließen, dass man sich neu erfinden muss. Besser. Schneller. Klarer. Produktiver. Ich habe mich in diesem Jahr bewusst dagegen entschieden. Nicht, weil ich keine Ziele habe. Nicht, weil mir meine Arbeit egal wäre. Sondern weil ich gemerkt habe, dass mir Druck selten hilft, das zu schreiben, was mir wirklich wichtig ist. Er sorgt vielleicht für Tempo, aber nicht für Tiefe, und für Struktur, aber nicht für unbedingt für Stimmigkeit. Ich habe mir keine Wortzahlen versprochen, keine Deadlines formuliert … Dieses Jahr erlaube ich mir nur eines: meinem Schreiben zu vertrauen - darauf, dass es fließt, wenn ich es nicht zwinge. Dass es ehrlicher ist, wenn es nicht ständig bewertet werden muss. Deshalb ... 2026 ist für mich deshalb das Jahr, in dem ich mich bewusst als reine Self Publisherin sehe – aus Überzeugung, nicht aus Notwendigkeit. Ich möchte schreiben, was mir wichtig ist. So, wie es mir wichtig ist. Ohne Vorgaben. Ohne Schubladen. Ohne den Umweg über Erwartungen, die nicht meine sind. Geplant sind mindestens zwei Veröffentlichungen: die ersten beiden Bände einer neuen Urban-Fantasy-Trilogie, die mir sehr nah ist. Band eins erscheint Mitte 2026. Mehr dazu … bald! Versprochen. 2026 wird definitiv kein leises (Autor*innen)Jahr. Aber es wird ein Jahr ohne Druck. Ein Jahr mit Tiefe, mit Mut und echter schreibender Freiheit. Gleichzeitig möchte ich mir mehr Raum für das echte Leben lassen. Für Freunde. Für Familie. Für Gespräche ohne Zeitlimit. Für Lachen ohne Agenda. Für all die kleinen Dinge, die einfach da sein dürfen. Vielleicht ist genau das meine neue Definition von Erfolg: Geschichten zu erzählen, die mir gehören, und ein Leben zu führen, das sich nicht ständig nach „mehr“ anfühlt, sondern nach „stimmig“. Nicht komplizierter, sondern klarer Und vielleicht ist genau deshalb dieser Winter gerade der richtige. Michigan im Januar ist keine Kulisse für große Gesten, sondern ein Ort für Gedanken. Gefrorene Seen, Straßen, die schmaler wirken, weil der Schnee sie einrahmt, Luft, die so klar ist, dass jeder Atemzug bewusster wird. Alles wirkt ein wenig reduzierter, ein wenig leiser, als hätte die Welt beschlossen, sich für einen Moment nicht allzu wichtig zu nehmen. Wenn ich draußen unterwegs bin, wird mein Kopf nicht leer, sondern klar. Gedanken ordnen sich fast von selbst, Figuren bekommen mehr Ecken und Kanten, Szenen Konturen, und ich weiß ziemlich genau, wohin meine Geschichte will - ohne mir dabei die Freiheit zu nehmen, unterwegs zu improvisieren. Überhaupt fühlt sich Schreiben gerade an diesen Tagen nicht wie Arbeit an, sondern wie ein Raum, in dem ich ausprobieren darf, ohne sofort festlegen zu müssen, was bleibt und was geht. Und ja, ich erlaube mir dann auch schon mal Seiten, die vielleicht nie veröffentlicht werden. Nicht weil sie falsch sind, sondern weil sie ihren Zweck schon erfüllt haben. Weil sie mir gezeigt haben, was eine Geschichte nicht braucht. Irgendwie mach der Jahresbeginn Dinge nicht komplizierter, sondern klarer. Und vielleicht ist es genau das, was wir gerade alle brauchen. Nicht mehr und nicht weniger Und dann ist da noch die Sache mit der Kreativität. Wir tun immer so, als müsste sie spektakulär sein. Sichtbar. Laut. Als müsste man sie bemerken, damit sie zählt. Doch meine Kreativität im Januar glimmt. Sie ist kein Sturm. Kein Funkenregen. Sie ist einfach da. Still, verlässlich, ohne großes Aufheben. Sie drängt sich nicht auf, sie wartet. Und genau deshalb kann ich mit ihr arbeiten. Schreiben im Januar ist kein Wettkampf und kein Leistungsnachweis Es ist eher ein Zustand, in den ich zurückfinde, wenn ich mir erlaube, nicht schneller sein zu wollen als meine eigenen Gedanken. Wenn ich abends den Laptop zuklappe, spüre ich nicht unbedingt Euphorie. Aber ich spüre Ruhe. Und diese Ruhe fühlt sich an wie ein Versprechen, dass meine Geschichten noch da sind. Auch ohne Druck. Auch ohne Tempo. Schreiben im Januar ist für mich kein Losstürmen. Es ist ein Zur-Ruhe-kommen. Ein Ankommen. Bei meiner Art zu erzählen. Bei meinen Figuren. Bei der Stimme, die sich dann am ehrlichsten anfühlt, wenn ich sie nicht antreibe. Und jetzt? Ich habe beschlossen, 2026 wird mein Jahr des Muts. Nicht laut im Sinne von Lärm. Sondern laut im Sinne von Ehrlichkeit. Ein Jahr, in dem ich mich nicht kleiner mache, als ich bin. In dem ich mir erlaube, ganz ich zu sein. Mit Geschichten, die Tiefe haben dürfen. Mit Emotionen, die Raum brauchen. Mit einem Weg, der nicht immer gerade sein muss, um richtig zu sein. Vielleicht beginnt genau hier mein neues Schreiben. Nicht mit einer neuen Struktur. Nicht mit einer neuen Strategie. Sondern mit einer Entscheidung: mich selbst ernst zu nehmen. Wenn ich aus dem Fenster schaue, ist der Schnee gerade komplett verschwunden. Einfach so. Für ein paar Tage tut Michigan so, als wäre es schon März. Natürlich weiß ich, dass der nächste Schneefall schon angekündigt ist – aber für diesen kurzen Moment nehme ich das Geschenk dankbar an. Und genau in diesem Moment merke ich, wie sehr ich mich auf den Frühling freue. Nicht nur wegen der Wärme, sondern wegen dieses Gefühls von Aufbruch, das irgendwann ganz selbstverständlich zurückkommt. So wie neue Geschichten dazukommen. So wie etwas, das nie weg, sondern nur kurz leiser war. Und jetzt: Hallo 2026 – here I come. Mit Dankbarkeit, mit Winterluft in den Lungen und mit Geschichten, die geschrieben werden wollen. Und genau darauf freue ich mich. Bevor wir ins neue Jahr wechseln, möchte ich diesen Moment für einen persönlichen Rückblick nutzen. Einen Rückblick aus der Perspektive der Autorin, die ich bin - und in diesem Jahr geworden bin. Mit allem, was dazugehört: Freude, Frust, Stolz, Zweifel. Und natürlich Geschichten. Ein geheimes Projekt und neue Wege 2025 stand ganz klar im Zeichen eines Projekts, über das ich bisher nur sehr wenig gesagt habe. Seit Monaten arbeite ich an einer ganz besonderen Trilogie gearbeitet. Teil 1 ist fertig, Teil 2 … läuft. Dieses Projekt ist anders als alles, was ich zuvor gemacht habe. Die Geschichte ist nämlich nicht allein auf meinem Mist gewachsen, sondern entsteht gemeinsam mit einem Co-Autor ( ja, tatsächlich ein Er ) und genau deshalb wird sie auch unter einem offenen Pseudonym erscheinen. Heute nur so viel: Ich bleibe dem Fantasy-Genre natürlich treu, dieses Mal endlich wieder echte Urban Fantasy. Ein Setting, das ich nicht nur recherchiert habe, sondern lebe. Orte, Atmosphären, Alltagsdetails – all das fließt direkt in die Geschichte ein. Und ja, es ist gut möglich, dass auch die Outer Banks ihren Weg in dieses Projekt gefunden haben. Diese Reise war eines der stillen Highlights des Jahres. Wind, Weite, das Meer im Kopf – und ganz viel Raum für neue Ideen. Willow und der Mut zur zweiten Version Ein weiterer großer Meilenstein: Willow. Ein Buch, das früher ein Verlagsbuch war und dessen Geschichte ein ziemlich radikales Makeover bekommen hat. Das war keine kleine Überarbeitung, sondern fast eine ganz neue Version. Rückblickend war diese Überarbeitung mehr als Arbeit am Text. Sie war Arbeit an meiner Haltung als Autorin: genauer hinschauen, mutiger streichen, Entscheidungen treffen. Mit Willow bin ich außerdem im Self Publishing einen Schritt weitergegangen – dieses Mal nicht nur inhaltlich, sondern auch im Vertrieb: Willow ist mein erstes SP-Buch, das ganz regulär im stationären Buchhandel erhältlich ist. Nach und nach werden alle weiteren Bücher folgen. Ein Weg, der sich sehr richtig anfühlt. Funfact zum Schluss: Den Buchsatz habe ich zum ersten Mal mit Vellum gemacht – und was soll ich sagen: Ich liebe es. Inzwischen habe ich sogar den Satz für eine befreundete Autorin übernommen. Falls ihr euch dafür interessiert, meldet euch gern. Ein weiterer Ort für meine Worte Ein persönliches Highlight dieses Jahres war das hier: mein Blog. Seit Mai gibt es „Plot Twists & Peanut Butter“ – einen Ort für alles, was zwischen Schreiben, Lesen, Leben in Michigan und dem Blick über den Atlantik passiert. Der Blog ist mein Raum für Gedanken, die nicht in ein Buchkapitel passen. Für Einblicke hinter die Kulissen. Für Recherche, Alltag, Frust, Freude und genau die kleinen Umwege, aus denen am Ende meist die besten Ideen entstehen. Gleichzeitig war das Bloggen für mich ein überraschend schöner Ausgleich zum Romanschreiben: Andere Texte, anderer Rhythmus, null Plotdruck und genau deshalb richtig viel Spaß. Und ja: Ich sehe euch lesen, klicken, kommentieren. Danke! Zwischen Hallen, Gesprächen und Geschichten Im März durfte ich außerdem meine allererste Messe in Deutschland erleben – und dann gleich die Leipziger Buchmesse. Es war ein einziges Wirbelwind-Wochenende voller Begegnungen, Gespräche, Inspiration – und sooo vieler Menschen! Ich habe es geliebt, mich mit anderen Autor*innen, Leser*innen, Bloggenden und wundervollen Hörbuchsprecher*innen auszutauschen. Ich habe gelacht, gestaunt, gequatscht – und ganz nebenbei auch gelernt, wie anstrengend so ein Messe-Marathon sein kann. Und, puh, war das voll. Trotzdem - genau diese geballte Energie, diese Begeisterung für Geschichten, Worte und Bücher war etwas ganz Besonderes. Leipzig hat Eindruck hinterlassen – im besten Sinne. Ausgerechnet Sci-Fi - mein Lesejahr
Buchmarkt, Frust & klare Entscheidungen 2025 brachte einiges an Buchmarktfrust mit sich. Und ich war ganz offensichtlich nicht die Einzige, die das so empfunden hat. Amazon hat es tatsächlich geschafft, die Veröffentlichung von Willow so richtig zu torpedieren. Rezensionen werden bis heute einfach nicht freigeschaltet, Kommunikation und Prozesse bleiben frustrierend intransparent. Deshalb habe ich eine klare Entscheidung getroffen: Sobald die Kindle-Unlimited-Fristen meiner Bücher ausgelaufen sind, werden meine E-Books nicht mehr exklusiv bei Amazon erscheinen. Ich werde sie nach und nach auch auf anderen Plattformen anbieten. Weniger Abhängigkeit, mehr Kontrolle. Überhaupt scheint der Druck auf Autor*innen generell enorm gewachsen zu sein. Algorithmen, Trends, Sichtbarkeit … das alles strengt an. Sehr. Besonders bedenklich finde ich auch die Entwicklung im deutschen Buchmarkt: Farbschnitt-Zwang (für Selfpublisherinnen kaum zu stemmen), der ständige Ruf nach Extras und Buchboxen. In den USA nimmt das längst nicht diese Dimensionen an. Bücher dürfen hier immer noch oft einfach Bücher sein. Meine Geschichten, mein Weg 2025 war auch das Jahr, in dem ich eine Entscheidung getroffen habe, die sich lange angebahnt hatte: Ich werde meine Geschichten nicht mehr über Verlage platzieren. Ich möchte selbst bestimmen, wann ich schreibe, woran ich arbeite und in welchem Tempo Geschichten entstehen dürfen. Das geheime Projekt hatte ich noch Agenturen und Verlagen gezeigt. Es gab positives Feedback, echtes Interesse, angeforderte Manuskripte. Und trotzdem blieb am Ende nichts, das sich richtig angefühlt hätte. Deshalb werde ich meinen Weg ab jetzt konsequent im Self Publishing weitergehen. Ehrlich gesagt weiß ich inzwischen genau, was mir wichtig ist – und was nicht. Ich weiß, dass diese Geschichte trägt. Und ich weiß, dass sie ihre Leser*innen finden wird. Dafür brauche ich weder perfekt getaktete Programme noch fremde Erwartungshaltungen – sondern Vertrauen in meinen eigenen Weg. Was bleibt Michigan macht zum Jahresende, was es am besten kann: Winter. Mehr Schnee, mehr Kälte, mehr Dauer, als ich es aus Deutschland kenne. Im Dezember hat all das noch etwas Magisches – diese frische, helle Stille, die sich über alles legt. Aber spätestens im Februar wird das Weiß zu viel, zu dicht, zu endlos. Trotzdem gehe ich jeden Tag raus. Mit Sunny. Egal, wie tief der Schnee liegt oder wie sehr der Wind beißt. Er braucht seine Runde – und ich brauche sie auch. Ein bisschen Normalität, klare Luft und ein Kopf, der danach wieder sortierter ist. Und als wäre das nicht schon genug Wintergefühl, werde ich dieses Jahr zum ersten Mal seit über 25 Jahren wieder Weihnachten in Deutschland feiern. Es fühlt sich an wie ein Kreis, der sich schließt - wohl wissend, dass ich mich danach auch wieder auf mein Zuhause hier in Michigan freue. Was bleibt, ist der Austausch. Mit anderen Autor*innen, Leser*innen, Bloggenden – all den Menschen, die Bücher genauso lieben wie ich. Und besonders der tägliche Austausch mit einer Autorin (nein, nicht meine Co-Autorin) gehört inzwischen einfach dazu. Privat war dieses Jahr turbulent, vieles davon gehört nicht hierher, aber es war da. Und vielleicht ist genau deshalb so spürbar, wie viel diese kleinen Verbindungen bedeuten. Was bleibt, sind die Menschen, die Worte – und die Wege, auf denen beides zusammenfindet. Bonus: ein erster Blick ins geheime ProjektWeil Plot Twists & Peanut Butter ohne Überraschung nur halb so schön ist, gibt es zum Abschluss einen kleinen Bonus: den Anfang des ersten Kapitels meines geheimen Projekts. Nicht den Prolog – der würde zu viel verraten. Nur ein kleiner Einblick, ich weiß, aber genau richtig für das Ende dieses Rückblicks. „Sehe ich aus, als würde ich Witze machen?“ Mehr verrate ich heute nicht. Der Rest bleibt noch ein bisschen länger Geheimprojekt und wächst hinter den Kulissen weiter. Und jetzt ... Frohe Weihnachten und einen guten Rutsch in ein entspanntes 2026. Genießt die ruhigen Tage, so gut es eben geht. Vielleicht mit einem guten Buch, vielleicht mit etwas Abstand vom Bildschirm. Wir lesen uns. Auf Instagram, auf Facebook, auf WhatsApp, oder hier im Blog.
Seit Mai schreibe ich hier munter drauflos – ohne mich jemals richtig vorgestellt zu haben. Höchste Zeit, das nachzuholen. Wer mir auf Instagram oder Facebook folgt, weiß wahrscheinlich schon einiges … aber für alle anderen (und für diejenigen, die vielleicht gern ein paar Hintergrundgeschichten hören wollen): Hier kommt mein persönlicher „Über mich“-Beitrag. Diesmal geht es nicht um mein aktuelles Leben in Michigan, sondern vor allem um meine Zeit vor Amerika – um all das, was mich geprägt, herumgewirbelt und an genau den Punkt gebracht hat, an dem ich heute bin. Hätte mir jemand mit 18 gesagt, dass ich irgendwann in Michigan lande, verheiratet, mit Familie, Hund und Bücherregalen, die vom Boden bis zur Decke reichen und in denen über zehn eigene Veröffentlichungen stehen, ich hätte mir ein Grinsen garantiert nicht verkneifen können. Damals wollte ich nach Australien auswandern. Oder Lehrerin werden. Oder Schauspielerin. Stattdessen wurde es: ein abgebrochenes Studium, eine Banklehre (größter Fehlstart ever!), Fremdsprachen, ein Nebenjob, bei dem ich gelernt habe, wie schnell man in einem Musical Kostüme wechseln kann, ein halbes Jahr Backpacking durch Australien … und schließlich Carlo. Ob ich das Chaos, die tausend Umwege bereue? Nicht einen davon. Denn sonst wäre ich nicht da, wo ich heute bin: Zuhause. Aber zurück zum Anfang … Sauerlandkind mit Büchersucht Ich bin in Iserlohn geboren und in Hagen aufgewachsen – also irgendwo zwischen Sauerland und Ruhrpott. Zur Schule gegangen bin ich auf ein reines Mädchengymnasium (ja, das war so speziell, wie es klingt!). Das Beste daran: Ich treffe mich bis heute – wann immer ich in Deutschland bin – mit einigen meiner alten Klassenkameradinnen. Manche Verbindungen überstehen eben Jahrzehnte und Kontinente. Wenn ich an diese Zeit denke, erinnere ich mich nicht nur an Freundschaften und Schule – sondern auch daran, wie sehr Bücher schon damals mein Leben bestimmt haben. Schon als Kind habe ich alles gelesen, was mir in die Finger fiel: Jugendbücher, Märchen, Comics oder später auch alte Romane meiner Eltern. Das erste Buch, das mir besonders in Erinnerung geblieben ist, stammt aus meiner Pre‑Teen-Zeit: Wölfe ums Schloss von Joan Aiken. Die spannende Geschichte um Bonnie und Sylvia, die sich gegen die böse Gouvernante behaupten müssen, hat mich so gepackt, dass ich damals nicht nur mit einem Kassettenrekorder ein eigenes Hörspiel aufgenommen, sondern sogar eine Fortsetzung geschrieben habe (lange bevor man dafür das Wort Fanfiction erfunden hat). Von 100 Metern, Bratschen und Prioritäten Im Teenageralter kamen dann noch Sport und Musik dazu. Ich bin die 100 Meter in 12,5 Sekunden gelaufen und durfte im NRW-Kader in Dortmund trainieren. Gleichzeitig habe ich Geige und Bratsche gespielt – und natürlich gab es Tage, an denen diese Welten kollidierten. Zum Beispiel, als ich mich mit meiner 4x100-Meter-Vereinsstaffel für die Deutschen Schülermeisterschaften qualifizierte. Dummerweise fiel der Termin genau auf das große Schulkonzert. Meine Orchesterleiterin wollte mich nicht fahren lassen, weil ich die einzige Bratschistin war, die an diesem Abend zehn entscheidende Töne zu spielen hatte. Ich habe mich für die Meisterschaft entschieden und beim Konzert unentschuldigt gefehlt. Prioritäten … Studium, Umwege & ein neuer Anfang Nach dem Abi habe ich in Bonn Germanistik und Sportwissenschaft studiert. Total naheliegend, wenn man einen Menglisch-Leistungskurs-Abschluss hat – Englisch (habe ich geliebt) und Mathe (eher überlebt). Mein Plan: Lehrerin werden. Die Realität: irgendwann festgestellt, dass es nicht das Richtige war. Also Richtungswechsel. Eine Banklehre (größter Fehlstart und die längsten Jahre meines Lebens ever, aber gut, aus erster Hand weiß ich jetzt, wie man in einem Beruf komplett fehl am Platz sein kann). Danach kam das, was wirklich gepasst hat: eine Ausbildung zur Fremdsprachenkorrespondentin in Englisch und Spanisch. Eigentlich hätte ich mir all die Umwege sparen können – mein Englisch-Leistungskurs hatte mir schließlich schon gezeigt, wo meine Stärken (und meine Freude) lagen. Diese Ausbildung habe ich jedenfalls in vollen Zügen genossen, inklusive eines unvergesslichen Monats an einer Sprachschule in Dublin. Starlight Express: Rollschuhe, Kostüme & Nächte ohne SchlafNebenbei hatte ich den coolsten Nebenjob überhaupt: Als Dresserin bei Starlight Express in Bochum habe ich Kostüme geschnürt, schnelle Wechsel begleitet und hinter den Kulissen erlebt, wie aufregend und chaotisch so ein Musicalbetrieb wirklich ist. Wie ich das damals eigentlich geschafft habe, frage ich mich heute noch: tagsüber Sprachschule in Dortmund, dann im Eiltempo zurück in die WG nach Bochum, kochen, essen, einkaufen, lernen – und abends weiter zum Starlight Express. Kein Abend vor Mitternacht zu Hause – wenige Stunden später war die Nacht zu Ende. Schlaf? Definitiv überbewertet. Mein Belgien-Kapitel: Leben & Arbeiten in Brügge Und weil ich mein frisch erlerntes Wissen sofort nutzen wollte, verschlug es mich nach Belgien, wo ich in einem Hotel in Brügge arbeitete. Ausgerechnet Brügge – wo man natürlich ständig Englisch oder Spanisch spricht ... Aber warum geradeaus gehen, wenn es auch zickzack geht? Es war trotzdem genau richtig, denn heute denke ich total gerne an diese Zeit zurück – und finde, Brügge ist immer noch eine der schönsten Städte, die ich kenne. Und das Einzimmerapartment, in dem ich dort gewohnt habe, war wahrscheinlich das coolste überhaupt: mitten in der Innenstadt, direkt unter dem Dach, mit einem Aufzug, bei dem man nie sicher sein konnte, ob er wirklich oben ankam. PS: Nach der Spätschicht im Hotel führte mein Weg oft an der ein oder anderen urigen Kneipe vorbei – und ganz ehrlich, einfach vorbeizugehen wäre ja unhöflich gewesen 😉. Ich glaube, aus dieser Zeit stammt auch meine Schwäche für ein gutes Bier. Selbst heute kann ich mir ein breites Grinsen nicht verkneifen, wenn ich in Michigan ein belgisches Importbier im Regal entdecke. Backpacking in Australien: Rucksack, Ostküste & Shiatsu-Kurs Doch lange stillhalten konnte ich nie. Also habe ich nach einem Jahr alles verkauft, was ich besaß (viel war es nicht), meinen Rucksack gepackt und bin nach Australien aufgebrochen. Ein halbes Jahr Backpacking an der wunderschönen Ostküste, inklusive eines dreimonatigen Shiatsu-Massage-Kurses in Sydney. (Ja, das kann ich heute noch!) Meine Highlights? Ganz klar die tägliche Fähre vom Circular Quay nach Manly – wo ich anfangs bei Bekannten von Bekannten von Bekannten aus Brügge gewohnt habe. Oder der Sandwich-Verkauf mit anschließendem Kaffeetrinken am Sydney Opera House mit Brigitte. Der Glebe Fleamarket, die Strände von Cape Tribulation, Wanderungen durch den Daintree Rainforest und Reitausflüge in den Blue Mountains … eine bunte Mischung aus Alltag und Abenteuer, die sich tief in mein Gedächtnis eingebrannt hat. Danach stand für mich fest: zurück nach Deutschland, den Rest organisieren – und dann endgültig nach Australien auswandern. Damals war ich überzeugt, dass dort mein neues Zuhause sein würde. Als Zuhause plötzlich ein Mensch war Aber das Leben hatte andere Pläne. Denn bevor es endgültig nach Australien zurückgehen sollte, hieß es erst einmal zurück nach Hagen, Auswandern vorbereiten, Arbeiten und Geld verdienen. Genau dort traf ich Carlo – und plötzlich hatte ich es gar nicht mehr so eilig mit dem Auswandern … Bis dahin war ich ständig unterwegs gewesen: Australien, Brügge, Dublin, Cambridge – stets mit dem Gefühl, dass die nächste Station vielleicht die richtige sein könnte. Mit Carlo habe ich gelernt, dass Zuhause nicht unbedingt ein Ort sein muss, sondern auch eine Person sein kann. Genau das war der Grund, warum Australien für mich nur noch ein Reiseziel blieb. Und was soll ich sagen … wir haben nach ein paar Monaten geheiratet, eine Familie gegründet und eine Weile im wunderschönen Spessart gelebt. Ein paar Jahre später bin ich dann doch ausgewandert. Aber nicht allein, sondern mit Mann und zwei Töchtern. Nur eben nicht nach Australien, sondern nach Michigan. Zum Schluss noch ein paar Fun Facts
Was bleibt Wenn ich eins gelernt habe, dann das: Das Leben hält sich selten an Pläne – und das ist vielleicht auch ganz gut so. Meine Umwege haben mich nicht nur nach Michigan geführt, sondern auch dahin, wo ich heute bin - mit einer Familie, einem Hund, zu vielen Büchern, einem Kopf voller Geschichten und diesem Abenteuer zwischen zwei Welten. Und jetzt, wo ihr meine Vorgeschichte kennt, können wir uns hier im Blog wieder den Dingen widmen, die mich heute bewegen: dem Schreiben, den Büchern und diesem manchmal verrückten Leben in den USA. Willkommen auf meiner kleinen Ecke Internet. Schön, dass ihr da seid. Ich freue mich, wenn ihr bleibt. Wer einmal in den USA war, weiß: „groß“ ist hier keine bloße Beschreibung – es ist ein Lebensgefühl. Riesige Einkaufsläden, in denen man sich verlaufen kann. Kühlschränke, in die locker ein deutscher Wochenmarkt passt. Autos, bei denen man eine Leiter zum Einsteigen bräuchte. Gallonenweise Milch und Wein. Supermärkte mit Gängen so breit wie deutsche Landstraßen. XXL-Packungen Chips, groß genug, um eine Fußballmannschaft satt zu kriegen. Portionen in Restaurants, die eher nach Familienfest aussehen als nach Abendessen (kein Problem, denn den Rest wandert sowieso in die berühmte To-go-Box). Und dann ist da noch das Land selbst: endlose Highways, die sich wie Lineale in die Ferne ziehen, und der Superbowl, bei dem nicht nur der Ball, sondern auch der Hype gigantisch ist. Aber ist alles wirklich big, bigger, Amerika? Sind die Amerikaner wirklich so freundlich – und oberflächlich, wie behauptet wird? Und gehen sie wirklich mit Schuhen ins Bett? In diesem Beitrag nehme ich ein paar der bekanntesten amerikanischen Klischees und Mythen unter die Lupe – und schaue, welche sich bewahrheitet haben und welche eher ins Reich der Hollywood-Fantasie gehören. Ganz wichtig: Das hier ist keine wissenschaftliche – und ganz sicher keine politische - Abhandlung, sondern meine ganz persönliche Michigan-Perspektive - eine Sammlung von Eindrücken aus dem Land, in dem selbst der kleinste Kaffee „Tall“ heißt. Alles ist größer – na klar. Aber… Das Klischee stimmt. Meistens. Und ehrlich gesagt: Genau das macht einen Teil des Lebens hier aus. Diese Weite, die endlosen Straßen, das Gefühl von Freiheit – es steckt im Asphalt, in den riesigen Trucks, in Supermärkten, die rund um die Uhr offen haben und im tiefen Blau des Himmels, der irgendwie weiter zu sein scheint. (Ohne Witz, das war das Erste, was mir aufgefallen ist, als wir 1999 hier angekommen sind). Aber dann gibt es diese kleinen Juwelen, die das Bild bunter machen: winzige Buchläden, in denen ich als Autorin stundenlang stöbern könnte (auch wenn ich zugebe, dass ich ab und zu gern im großen Barnes & Noble abtauche). Farmers Markets mit handbeschrifteten Schildern und frischen Tomaten. Kleine Verkaufsstände am Straßenrand, bei denen das Geld einfach in eine Kasse aus Blech geworfen wird. Diners und Cafés, in die nur ein paar Tische passen – wie das Tea Haus in Ann Arbor, wo man froh ist, wenn man überhaupt einen Platz bekommt, und das Warten gern in Kauf nimmt. Food Trucks mit handgemalten Menüs. Vintage Shops und Thrift Stores, vollgestopft mit Schätzen und Kuriositäten. Und genau diese Mischung aus XXL und Mini macht für mich den Alltag in Michigan aus - ein Leben zwischen Weite und Nähe, zwischen großem Spektakel und kleinen Momenten. Schuhe anlassen – wirklich überall? Das Klischee hält sich hartnäckig: Amerikaner ziehen nie ihre Schuhe aus. Nicht einmal im Bett, heißt es. Und tatsächlich – viele laufen ganz selbstverständlich mit Straßenschuhen durchs Haus, als wären Teppiche, Sofas und Küchenböden unverwüstlich. Für deutsche Gäste wirkt das manchmal wie ein kleiner Kulturschock: Man selbst scharrt noch verlegen an der Fußmatte, während der Gastgeber schon mit Sneakers quer über den Teppich marschiert. Aber: Ganz so schwarz-weiß ist es nicht. Die jüngere Generation scheint das lockerer – oder vielleicht auch hygienischer – zu sehen. Immer öfter hört man beim Betreten eines Hauses ein freundliches „Shoes off, please“, und plötzlich sitzen alle in Socken oder bunten Hausschuhen im Wohnzimmer. Offenbar ist es auch hier nicht mehr so angesagt, den halben Vorgarten ins Haus zu tragen. Am Ende bleibt es also ein Mischbild: Oma Esther fühlt sich ohne Schuhe nicht komplett angezogen, Enkelin Harper macht gleich an der Tür klar, dass drinnen „sock mode“ gilt. PS: Meine amerikanischen Protagonisten gehen nie – absolut nie – mit Schuhen ins Bett. Freundlich, herzlich - oberflächlich? Dieses Klischee begegnet mir ständig, und ehrlich gesagt stolpere ich bei diesem Vorurteil immer ein bisschen. Klar, ein gewisses Dauerlächeln gehört hier fast schon zum guten Ton – manchmal fühlt man sich, als hätte man einen unsichtbaren Vertrag unterschrieben: ‚Smile, you’re in America‘. Und ja, Amerikaner sind in der Regel offen, herzlich, und man wird auch als Fremde*r oft einfach angesprochen. An der Supermarktkasse, auf der Straße, beim Spaziergang kommt schnell ein „How are you?“. Aber Überraschung: Niemand wird hier gezwungen zurückzulächeln. Und ob das Gespräch oberflächlich bleibt, liegt dann auch ganz an dir. Antwortest du nur knapp mit „I’m fine, thanks“, ist es eben auch nicht mehr als eine Floskel. Aber öffnest du dich ein kleines Stück, ergibt sich oft ein echtes, freundliches Gespräch – selbst zwischen zwei Packungen Milch oder unterwegs mit Sunny an der Leine. Und manchmal geht’s sogar noch weiter: Aus einem harmlosen Smalltalk über das Wetter wird plötzlich ein Geheimtipp fürs beste Café in der Stadt. Oder jemand erzählt dir in der Schlange vor dem Postschalter, warum er eigentlich aus Texas nach Michigan gezogen ist. Keine tiefenpsychologischen Enthüllungen – aber eben auch alles andere als oberflächlich. Es stimmt schon irgendwie: „Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es hinaus.“ Ein freundlicher Ton ist hier wie ein Startknopf: Drückt man ihn, läuft das Gespräch plötzlich von allein. Und ich habe die Erfahrung gemacht, dass man auf diese Weise sogar richtige Freundschaften knüpfen kann. Ein Lächeln im Vorübergehen, ein bisschen Offenheit im ersten Moment – schon wird eine Begegnung leichter. Und mal ehrlich: Ein freundliches Gesicht ist doch immer schöner als ein Knurren oder völlige Ignoranz. Fast Food, Fake Food – und teuer ist es obendrein? Das Bild vom amerikanischen Essen ist schnell gezeichnet: künstlich, fettig, frittiert und in XXL. Und ja, das Klischee stimmt – zumindest auf den ersten Blick. Es gibt Supermarktregale, die wirken wie eine Chemieausstellung: neonbunte Cerealien, Joghurts, die mehr Zucker als Milch enthalten, und Chips in Geschmacksrichtungen, von denen man nicht wusste, dass es sie überhaupt gibt. Fast Food ist allgegenwärtig, und günstige Fertigprodukte gibt es an jeder Ecke. Aber auch hier sehe ich – wie schon beim Thema „Schuhe im Haus“ – einen klaren Unterschied zwischen den Generationen. Gerade viele junge Eltern achten heute sehr bewusst auf gesunde Ernährung. Es gibt Apps, mit denen man Lebensmittel im Supermarkt scannen kann, die in Sekundenschnelle alle fragwürdigen Zusatzstoffe ausspucken. Bio-Produkte sind zwar oft teurer – müssen es aber nicht sein. Wer saisonal einkauft, auf dem Farmers Market zuschlägt oder einfach die Sonderangebote nutzt, bekommt auch hier frisches Gemüse zu vernünftigen Preisen. Mehr und mehr Familien setzen außerdem auf Selbstversorgung: eigene kleine Gemüsegärten hinterm Haus sind längst keine Seltenheit mehr, und nicht wenige halten sogar ein paar Hühner für frische Eier. Und die Preise schwanken stark: In Metropolen wie New York oder Chicago zahlt man für denselben Korb Lebensmittel oft deutlich mehr als in kleineren Städten oder ländlichen Gegenden. Und ja: Auch in den USA gibt es Aldi. Dort findet man erstaunlich viele organische Produkte, die deutlich günstiger sind als in anderen Supermärkten. Aber auch die haben längst gemerkt, dass der Griff zum „gesunden Essen“ immer häufiger wird – und ziehen nach, um konkurrenzfähig zu bleiben. Trotzdem bleibt ein bitterer Beigeschmack: Ungesundes, hochverarbeitetes Essen ist nach wie vor billiger und leichter verfügbar. Traurig, aber wahr – und leider kein ausschließlich amerikanisches Phänomen. Nur Englisch – und sonst nichts? Ein weiteres Klischee: Amerikaner sprechen keine Fremdsprachen und haben von Geografie oder Geschichte außerhalb der eigenen Grenzen keine Ahnung. (Noch einmal der Hinweis: Das ist nur meine persönliche Beobachtung – keine wissenschaftliche Studie.) Und ja – da steckt ein Körnchen Wahrheit drin. Viele Amerikaner kommen tatsächlich mit Englisch allein durchs Leben, einfach weil sie es können. Die USA sind riesig, und egal ob man nach Florida, Kalifornien oder Alaska reist – man kommt überall mit derselben Sprache durch. Fremdsprachenunterricht gibt es zwar an Schulen, aber oft später und weniger intensiv als in Deutschland zum Beispiel. Das Ergebnis: ein paar Brocken Spanisch, Französisch oder Deutsch – aber selten so, dass man wirklich ins Plaudern kommt. Doch auch hier ist das Bild differenzierter, als das Klischee vermuten lässt. Gerade in Städten und an der mexikanischen Grenze sprechen viele Menschen fließend Spanisch. Und: Spanisch ist nach Englisch die zweite große Alltagssprache im Land. Dazu kommen Millionen Immigrant*innen, die ihre ursprüngliche Sprache neben Englisch beibehalten – von Polnisch über Arabisch bis Chinesisch hört man in Michigan (und eigentlich überall in Amerika) eine ganze Menge. Und was die angeblich „fehlenden“ Geografie- und Geschichtskenntnisse betrifft: Klar, viele Amerikaner haben weniger Überblick über Europa, weil das Schulsystem den Fokus stark auf die eigene Geschichte legt. Dafür kennt man hier die Präsidenten-Reihenfolge manchmal im Schlaf – während ich gestehen muss, dass ich beim Durchzählen der deutschen Bundeskanzler schon mal hängenbleibe. Und Hand aufs Herz: Wie viele Deutsche wüssten auf Anhieb, wo Michigan liegt? Fazit: Das schnelle Bild – aber nicht immer die ganze Wahrheit Wenn ich eins in all den Jahren hier gelernt habe, dann das: Klischees haben immer einen wahren Kern – sonst würden sie nicht so hartnäckig überleben. Aber sie sind eben nur der schnelle Schnappschuss, nie das ganze Bild. Die USA sind groß, widersprüchlich, bunt, zu laut und zu leise zugleich. Manches ist tatsächlich so überzogen, dass man lachen muss, anderes wiederum überraschend wahr. Am Ende zeigen Klischees eben doch nur, wie wir gesehen werden – und nicht unbedingt, wie wir wirklich sind. PS: Und ja – natürlich gibt es noch eine ganze Menge weiterer Mythen, die hier keinen Platz gefunden haben. Irgendwann gibt’s also bestimmt einen zweiten Teil. Dies ist ausnahmsweise mal kein Beitrag übers Schreiben. Okay – fast. Denn während ich diesen Text tippe, sitze ich an mehreren Projekten gleichzeitig: Ich stecke gerade mitten in der Überarbeitung eines Young Adult Romantasy-Romans, dessen Rechte ich kürzlich zurückbekommen habe. Im Juli wird er neu erscheinen – gründlich überarbeitet, mit frischem Satz und einem Hammer-Cover, das ich euch ganz bald zeige (Instagram-Cover-Flashmob: Freitag!). Parallel dazu wächst im Hintergrund der Plot für den zweiten Teil meiner noch geheimen Fantasy-Trilogie, die ich Stück für Stück aufbaue. Aber heute geht’s nicht um Magie, Schlüssel oder Kapitel 27. Heute geht es um das, was diesen Teil des Jahres hier besonders macht. Um Zikaden, Tornadowarnungen, drei Monaten Sommerferien - und das Gefühl, dass der Frühling einfach übersprungen wird. Um Tage, die sich anfühlen, als würde die Luft kleben und um Nächte, in denen plötzlich Waschbären – oder Skunks - auf der Terrasse Partys feiern. Sommerstart, Pools und das große Draußen Seit ich 1999 nach Michigan gezogen bin, habe ich keinen kompletten Sommer mehr in Deutschland verbracht. Natürlich erinnere ich mich noch an die Freibäder, an Pommes rot-weiß und sonnenwarme Kopfsteinpflaster, aber mein Sommer – der, den ich heute lebe – spielt sich hier ab. In Michigan. Der Sommer in Michigan beginnt inoffiziell Ende May mit Memorial Day und endet genauso inoffiziell Anfang September mit Labor Day – oder, wenn man einen Hund hat, mit dem Tag, an dem man ihn abends lieber nicht mehr allein in den Garten lässt. Denn dann sind sie zurück: Skunks, Raccoons und Opossums. Charmant. Nachtaktiv. Und völlig desinteressiert an den Regeln eines (mehr oder weniger) gepflegten Vorstadtgartens – oder an einem Vierbeiner mit ausgeprägtem Jagdinstinkt und sehr selektivem Gehorsam. Gefühlt hat hier jede zweite Familie einen Pool – bei uns dauerbeansprucht von Sunny, der jedes Gewässer für sein persönliches Biotop hält. Und weil er ungern allein draußen planscht, folgen wir ihm meistens freiwillig. Und so verlagert sich - zumindest bei uns Grecos - das Leben im Sommer, wann immer es geht, komplett nach draußen: auf die Terrasse, in Parks, an die Seen. In den State Parks gibt es hier übrigens überall praktische Picknicktische, Grills, kleine Strände, Bootsverleihe. Überhaupt scheint Picknicken hier fest in der DNA eines Michiganders verankert zu sein - mit Kühlbox, Burgern, Hot Dogs, Chips in Familiengröße und mindestens einer selbstgemachten Limonade im Gepäck. Mücken, Seen und andere Sommerwahrheiten Manchmal erinnere ich mich noch an deutsche Freibäder – Chlor, Badekappenpflicht, Schwimmabzeichen zum Aufnähen, und die nassen Umkleiden, in denen nie genug Haken für Handtücher waren. Hier gibt es stattdessen: Natur. Seen. Und Mücken. Das Erste, was man im Michigan-Sommer lernt? Mücken sind keine Kleinigkeit. Und sie kommen immer im Rudel. Sie lieben die schwüle Hitze genauso wie offene Fenster, nackte Knöchel und Menschen, die sich zu früh über einen gemütlichen Sommerabend freuen. Und sie übertragen fiese Krankheiten – zumindest an die vierbeinigen Familienmitglieder. Fragt mal Sunny. Herzwurm ist real. Und trotzdem sind die Sommer an den Seen wunderschön. Wenn dann abends das Summen der Zikaden einsetzt – wie das leise Vibrieren eines Strommasts irgendwo in der Ferne – weiß ich, dass ich genau hier bin, wo ich gerade sein soll: im Sommer in Michigan. Wenn der Sommer nach Rauch und Schokolade riecht Und wo wir gerade bei gemütlichen Sommerabenden sind: Ein Sommerabend in Michigan riecht nicht nach Würstchen und Kräuterbutter, sondern nach Lagerfeuer, Maiskolben, Burgern – und S’mores. Diese klebrig-süße Kombination aus Marshmallows, Schokolade und Graham Crackers wird traditionell am Lagerfeuer zubereitet und sieht am Ende meistens genauso aus, wie man es sich vorstellt – eine Sauerei mit Ansage. Es hat ein bisschen gedauert, bis ich mich mit diesem „Dessert“ angefreundet habe – und heute gibt’s bei uns manchmal sogar Indoor-S’mores. Frisch aus der Mikrowelle, wenn die Mücken draußen mal wieder zu aufdringlich sind. Und trotzdem: Ich vermisse Johannisbeeren. Stachelbeeren. Kaltschale. Und von einem richtig kalten deutschen Bier will ich gar nicht erst anfangen. Himmelblau & Gartenglück Das Erste, was mir hier damals im Sommer aufgefallen ist, war der Himmel. Dieses intensive, klare Dunkelblau, das man in Deutschland so nicht kennt. Im Sommer wirkt er noch größer. Noch lauter. Noch mehr. Und ich glaube, genau das ist es, was ich heute am stärksten mit dem Sommer in Michigan verbinde: Freiheit. Auch wenn die Sommer hier heißer und schwüler sind, die Luftfeuchtigkeit gnadenlos ist und der Frühling oft einfach ausfällt – ich möchte trotzdem nirgendwo anders sein. Nicht im Sommer. Über den Winter schreibe ich dann ein andermal. Und mein Garten macht ohnehin alles wett – sogar die endlosen, bitterkalten Monate. Ich liebe meinen kleinen Gemüse- und Kräutergarten: voller Tomaten, Zucchini, Mangold und unzähliger Kräuter. Und wenn ich morgens feststelle, dass aus der kleinen Zucchini über Nacht ein Baseballschläger geworden ist, gibt es „Zucchini Bread“ – morgens, mittags, abends. Wobei: In Deutschland würde man es wohl eher als Rührkuchen bezeichnen. (Mein halbwegs gesundes Lieblingsrezept folgt weiter unten.) Wenn der Himmel grün wird Was man in Michigan im Sommer auch kennenlernt: Unwetter. Keine dramatischen Hollywood-Stürme – aber reale, bedrohliche Naturgewalt. Ich erinnere mich noch gut an meine erste Tornadowarnung. Wir sind mit Taschenlampe und Decken in den Keller gegangen, die Luft grünlich, der Himmel unheimlich still. Ich hatte wirklich Angst. Heute ist das fast Routine. Sobald das Handy losheult, läuft alles automatisch ab: Fenster zu, Handy laden, Sunny an die Leine, ab nach unten. Meist passiert nichts. Manchmal kracht es ordentlich. Und oft endet das Ganze mit umgekippten Gartenstühlen und einem halb gefluteten Rasen. Sidenote: Bei einem Schulausflug mit meiner Jüngsten vor ein paar Jahren hat uns ein Tornado mitten auf dem Land überrascht. Wir landeten mit einer Gruppe leicht nervöser Erstklässler im Keller eines ausgesprochen gelassenen Farmers, der die Situation deutlich entspannter nahm als wir. Aber ja – wir haben die Funnelcloud tatsächlich gesehen. Nicht weit entfernt, deutlich erkennbar: ein schmaler, rotierender Trichter am Himmel – faszinierend und leicht beunruhigend. Seitdem weiß ich: Wenn das Handy piept und der Himmel grünlich wird, ist es definitiv Zeit, in den Keller zu gehen – und nicht erst, wenn der Trichter schon winkt. Garage Sales & Lemonade Stands – amerikanischer geht’s kaumIrgendwann zwischen Juni und August tauchen sie überall auf: handgemalte Schilder an Straßenecken, Pfeile auf Pappe, und dann – ein Vorgarten voller Möbel, Bücher, Deko, Geschirr und Klamotten. Man schlendert, stöbert, feilscht ein bisschen – und findet am Ende etwas, das man nie gesucht hat – aber jetzt behalten will. Und dann natürlich: die Lemonade Stands. Ich erinnere mich noch genau, wie meine Töchter zum ersten Mal einen veranstaltet haben. Mit aufgeregtem Kichern, handgemalten Schildern, Eiswürfeln in Plastikbechern und unbändigem Stolz, wenn jemand wirklich anhielt. Auch diese kleinen Dinge gehören hier zum Sommer. Und sie machen ihn besonders. Drei Monate Ferien, zehn Tage Urlaub Ja, die Sommerferien … Fast drei Monate lang. Von Anfang Juni bis Labor Day. Die Kinder haben frei – die Eltern eher nicht. Was für ein Kulturschock, als Carlo damals genau zehn Urlaubstage im Jahr hatte. Zehn! Keine Betriebsferien, keine Brückentage, keine sechs Wochen Sommerpause. Heute sind es zum Glück mehr – Gott sei Dank. Trotzdem haben wir es bis heute nie geschafft, mal länger als zwei Wochen am Stück wegzufahren. Irgendwas ist immer - und ganz ehrlich? Manchmal will man das auch gar nicht. Lieber im Garten bleiben. Mit Sunny im Pool planschen. Die Füße ins Wasser hängen und so tun, als gäbe es keinen Kalender. Nur Sonne. Mücken. Und Zeit. Was mir manchmal fehlt: ein Eiscafé mit Sonnenschirm So sehr ich den Sommer hier liebe – es gibt da diese Kleinigkeit, die ich vermisse. Dieses ganz normale „Mal eben in die Stadt und ein Eis holen“-Gefühl. In Deutschland bedeutete das: Schuhe an, ab in die Innenstadt, Spaghettieis oder Stracciatella, ganz egal – Hauptsache draußen, Kopfsteinpflaster unter den Füßen, vielleicht noch ein kurzer Plausch mit jemandem, den man zufällig trifft. Hier, wo ich lebe, gibt es keine klassische Innenstadt. Kein Zentrum zum Durchbummeln. Kein Eiscafé mit buntem Sonnenschirm. Eis gibt’s im Drive-through oder in der Tiefkühltruhe. Im Becher. To go. Es ist nichts Weltbewegendes. Aber manchmal fehlt’s eben doch – genau wie Freibadpommes. Und Spontaneität ohne Parkplatzsuche. Zwischen Alltag und Dankbarkeit – mein Michigan-Sommer Manchmal ist der Sommer hier laut, grell und überwältigend. Manchmal tut er so, als wäre er gar nicht da. Nur Hitze. Und dieser seltsame, flirrende Stillstand vor dem nächsten Unwetter. Und manchmal, ganz manchmal, vergesse ich, dass er nicht selbstverständlich ist. Ich ernte Zucchini. Ich schreibe auf der Terrasse, bis mein Laptop überhitzt. Ich schwimme mit Sunny im Pool, wenn es zu heiß wird. Ich warte auf das nächste Gewitter – und lächle, wenn die Zikaden den Takt vorgeben. Der Sommer hier ist nicht besser als damals in Deutschland. Nicht schlechter. Er ist einfach: meiner. Er gehört zu einem Leben, das irgendwo zwischen Alltag und Abenteuer tanzt. Zwischen Routinen, die sich eingeschliffen haben – und Momenten, die sich wie Neuanfänge anfühlen. Und vor allem gehört er zu diesem Gefühl, das ich immer wieder in mir trage, wenn ich barfuß durchs Gras gehe und der Wind mir durchs Haar fährt: Freiheit. Das erste Kapitel aus „Willow – Und in mir dein Licht“ – dem Young Adult Fantasybuch, das ich gerade überarbeite – beginnt übrigens mit diesen Zeilen: „Freiheit! In diesem Moment schmeckte sie süßer als Moms Brownies, duftete intensiver als das sündhaft teure Parfum, das Jonah mir letztes Jahr zum Geburtstag geschenkt hatte. Sie klang besser als jede Zeile aus einem Nirvana-Song – und fühlte sich an wie der Sommerwind, der mir gerade durchs Haar fuhr: wild, lebendig, voller neuer Möglichkeiten.“ Mehr zum Buch – und zum neuen Cover – gibt’s ganz bald auf meinem Instagram-Kanal. Bis dahin: Sommerwind atmen. Zucchini ernten. Weiterschreiben. Mein Lieblingsrezept: Zucchinibrot für heiße Tage (Oder: ein richtig saftiger Rührkuchen) Zutaten:
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Kirsten GrecoFantasyautorin aus Michigan. Schreibt Magie, trinkt Kaffee, löscht Plotbrände. Archive
März 2026
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