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Big, bigger… echt jetzt? – Amerikanische Klischees im Realitätscheck

8/17/2025

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​Wer einmal in den USA war, weiß: „groß“ ist hier keine bloße Beschreibung – es ist ein Lebensgefühl. Riesige Einkaufsläden, in denen man sich verlaufen kann. Kühlschränke, in die locker ein deutscher Wochenmarkt passt. Autos, bei denen man eine Leiter zum Einsteigen bräuchte. Gallonenweise Milch und Wein. Supermärkte mit Gängen so breit wie deutsche Landstraßen. XXL-Packungen Chips, groß genug, um eine Fußballmannschaft satt zu kriegen. Portionen in Restaurants, die eher nach Familienfest aussehen als nach Abendessen (kein Problem, denn den Rest wandert sowieso in die berühmte To-go-Box).
Und dann ist da noch das Land selbst: endlose Highways, die sich wie Lineale in die Ferne ziehen, und der Superbowl, bei dem nicht nur der Ball, sondern auch der Hype gigantisch ist.
Aber ist alles wirklich big, bigger, Amerika? Sind die Amerikaner wirklich so freundlich – und oberflächlich, wie behauptet wird? Und gehen sie wirklich mit Schuhen ins Bett? In diesem Beitrag nehme ich ein paar der bekanntesten amerikanischen Klischees und Mythen unter die Lupe – und schaue, welche sich bewahrheitet haben und welche eher ins Reich der Hollywood-Fantasie gehören. Ganz wichtig: Das hier ist keine wissenschaftliche – und ganz sicher keine politische - Abhandlung, sondern meine ganz persönliche Michigan-Perspektive - eine Sammlung von Eindrücken aus dem Land, in dem selbst der kleinste Kaffee „Tall“ heißt.

Alles ist größer – na klar. Aber…

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Das Klischee stimmt. Meistens. Und ehrlich gesagt: Genau das macht einen Teil des Lebens hier aus. Diese Weite, die endlosen Straßen, das Gefühl von Freiheit – es steckt im Asphalt, in den riesigen Trucks, in Supermärkten, die rund um die Uhr offen haben und im tiefen Blau des Himmels, der irgendwie weiter zu sein scheint. (Ohne Witz, das war das Erste, was mir aufgefallen ist, als wir 1999 hier angekommen sind).
Aber dann gibt es diese kleinen Juwelen, die das Bild bunter machen: winzige Buchläden, in denen ich als Autorin stundenlang stöbern könnte (auch wenn ich zugebe, dass ich ab und zu gern im großen Barnes & Noble abtauche). Farmers Markets mit handbeschrifteten Schildern und frischen Tomaten. Kleine Verkaufsstände am Straßenrand, bei denen das Geld einfach in eine Kasse aus Blech geworfen wird. Diners und Cafés, in die nur ein paar Tische passen – wie das Tea Haus in Ann Arbor, wo man froh ist, wenn man überhaupt einen Platz bekommt, und das Warten gern in Kauf nimmt. Food Trucks mit handgemalten Menüs. Vintage Shops und Thrift Stores, vollgestopft mit Schätzen und Kuriositäten.
Und genau diese Mischung aus XXL und Mini macht für mich den Alltag in Michigan aus - ein Leben zwischen Weite und Nähe, zwischen großem Spektakel und kleinen Momenten.

Schuhe anlassen – wirklich überall?

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​Das Klischee hält sich hartnäckig: Amerikaner ziehen nie ihre Schuhe aus. Nicht einmal im Bett, heißt es. Und tatsächlich – viele laufen ganz selbstverständlich mit Straßenschuhen durchs Haus, als wären Teppiche, Sofas und Küchenböden unverwüstlich. Für deutsche Gäste wirkt das manchmal wie ein kleiner Kulturschock: Man selbst scharrt noch verlegen an der Fußmatte, während der Gastgeber schon mit Sneakers quer über den Teppich marschiert.
Aber: Ganz so schwarz-weiß ist es nicht. Die jüngere Generation scheint das lockerer – oder vielleicht auch hygienischer – zu sehen. Immer öfter hört man beim Betreten eines Hauses ein freundliches „Shoes off, please“, und plötzlich sitzen alle in Socken oder bunten Hausschuhen im Wohnzimmer. Offenbar ist es auch hier nicht mehr so angesagt, den halben Vorgarten ins Haus zu tragen.
Am Ende bleibt es also ein Mischbild: Oma Esther fühlt sich ohne Schuhe nicht komplett angezogen, Enkelin Harper macht gleich an der Tür klar, dass drinnen „sock mode“ gilt.
PS: Meine amerikanischen Protagonisten gehen nie – absolut nie – mit Schuhen ins Bett.

Freundlich, herzlich - oberflächlich?

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​Dieses Klischee begegnet mir ständig, und ehrlich gesagt stolpere ich bei diesem Vorurteil immer ein bisschen. Klar, ein gewisses Dauerlächeln gehört hier fast schon zum guten Ton – manchmal fühlt man sich, als hätte man einen unsichtbaren Vertrag unterschrieben: ‚Smile, you’re in America‘. Und ja, Amerikaner sind in der Regel offen, herzlich, und man wird auch als Fremde*r oft einfach angesprochen. An der Supermarktkasse, auf der Straße, beim Spaziergang kommt schnell ein „How are you?“. Aber Überraschung: Niemand wird hier gezwungen zurückzulächeln.  Und ob das Gespräch oberflächlich bleibt, liegt dann auch ganz an dir. Antwortest du nur knapp mit „I’m fine, thanks“, ist es eben auch nicht mehr als eine Floskel. Aber öffnest du dich ein kleines Stück, ergibt sich oft ein echtes, freundliches Gespräch – selbst zwischen zwei Packungen Milch oder unterwegs mit Sunny an der Leine.
Und manchmal geht’s sogar noch weiter: Aus einem harmlosen Smalltalk über das Wetter wird plötzlich ein Geheimtipp fürs beste Café in der Stadt. Oder jemand erzählt dir in der Schlange vor dem Postschalter, warum er eigentlich aus Texas nach Michigan gezogen ist. Keine tiefenpsychologischen Enthüllungen – aber eben auch alles andere als oberflächlich.
Es stimmt schon irgendwie: „Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es hinaus.“ Ein freundlicher Ton ist hier wie ein Startknopf: Drückt man ihn, läuft das Gespräch plötzlich von allein. Und ich habe die Erfahrung gemacht, dass man auf diese Weise sogar richtige Freundschaften knüpfen kann. Ein Lächeln im Vorübergehen, ein bisschen Offenheit im ersten Moment – schon wird eine Begegnung leichter. Und mal ehrlich: Ein freundliches Gesicht ist doch immer schöner als ein Knurren oder völlige Ignoranz. 

Fast Food, Fake Food – und teuer ist es obendrein?

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​Das Bild vom amerikanischen Essen ist schnell gezeichnet: künstlich, fettig, frittiert und in XXL. Und ja, das Klischee stimmt – zumindest auf den ersten Blick. Es gibt Supermarktregale, die wirken wie eine Chemieausstellung: neonbunte Cerealien, Joghurts, die mehr Zucker als Milch enthalten, und Chips in Geschmacksrichtungen, von denen man nicht wusste, dass es sie überhaupt gibt. Fast Food ist allgegenwärtig, und günstige Fertigprodukte gibt es an jeder Ecke.
Aber auch hier sehe ich – wie schon beim Thema „Schuhe im Haus“ – einen klaren Unterschied zwischen den Generationen. Gerade viele junge Eltern achten heute sehr bewusst auf gesunde Ernährung. Es gibt Apps, mit denen man Lebensmittel im Supermarkt scannen kann, die in Sekundenschnelle alle fragwürdigen Zusatzstoffe ausspucken. Bio-Produkte sind zwar oft teurer – müssen es aber nicht sein. Wer saisonal einkauft, auf dem Farmers Market zuschlägt oder einfach die Sonderangebote nutzt, bekommt auch hier frisches Gemüse zu vernünftigen Preisen. Mehr und mehr Familien setzen außerdem auf Selbstversorgung: eigene kleine Gemüsegärten hinterm Haus sind längst keine Seltenheit mehr, und nicht wenige halten sogar ein paar Hühner für frische Eier.
Und die Preise schwanken stark: In Metropolen wie New York oder Chicago zahlt man für denselben Korb Lebensmittel oft deutlich mehr als in kleineren Städten oder ländlichen Gegenden. 
Und ja: Auch in den USA gibt es Aldi. Dort findet man erstaunlich viele organische Produkte, die deutlich günstiger sind als in anderen Supermärkten. Aber auch die haben längst gemerkt, dass der Griff zum „gesunden Essen“ immer häufiger wird – und ziehen nach, um konkurrenzfähig zu bleiben.
Trotzdem bleibt ein bitterer Beigeschmack: Ungesundes, hochverarbeitetes Essen ist nach wie vor billiger und leichter verfügbar. Traurig, aber wahr – und leider kein ausschließlich amerikanisches Phänomen.

Nur Englisch – und sonst nichts?

​Ein weiteres Klischee: Amerikaner sprechen keine Fremdsprachen und haben von Geografie oder Geschichte außerhalb der eigenen Grenzen keine Ahnung. (Noch einmal der Hinweis: Das ist nur meine persönliche Beobachtung – keine wissenschaftliche Studie.) Und ja – da steckt ein Körnchen Wahrheit drin. Viele Amerikaner kommen tatsächlich mit Englisch allein durchs Leben, einfach weil sie es können. Die USA sind riesig, und egal ob man nach Florida, Kalifornien oder Alaska reist – man kommt überall mit derselben Sprache durch. Fremdsprachenunterricht gibt es zwar an Schulen, aber oft später und weniger intensiv als in Deutschland zum Beispiel. Das Ergebnis: ein paar Brocken Spanisch, Französisch oder Deutsch – aber selten so, dass man wirklich ins Plaudern kommt.
Doch auch hier ist das Bild differenzierter, als das Klischee vermuten lässt. Gerade in Städten und an der mexikanischen Grenze sprechen viele Menschen fließend Spanisch. Und: Spanisch ist nach Englisch die zweite große Alltagssprache im Land. Dazu kommen Millionen Immigrant*innen, die ihre ursprüngliche Sprache neben Englisch beibehalten – von Polnisch über Arabisch bis Chinesisch hört man in Michigan (und eigentlich überall in Amerika) eine ganze Menge.
Und was die angeblich „fehlenden“ Geografie- und Geschichtskenntnisse betrifft: Klar, viele Amerikaner haben weniger Überblick über Europa, weil das Schulsystem den Fokus stark auf die eigene Geschichte legt. Dafür kennt man hier die Präsidenten-Reihenfolge manchmal im Schlaf – während ich gestehen muss, dass ich beim Durchzählen der deutschen Bundeskanzler schon mal hängenbleibe. Und Hand aufs Herz: Wie viele Deutsche wüssten auf Anhieb, wo Michigan liegt?

Fazit: Das schnelle Bild – aber nicht immer die ganze Wahrheit

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​Wenn ich eins in all den Jahren hier gelernt habe, dann das: Klischees haben immer einen wahren Kern – sonst würden sie nicht so hartnäckig überleben. Aber sie sind eben nur der schnelle Schnappschuss, nie das ganze Bild. Die USA sind groß, widersprüchlich, bunt, zu laut und zu leise zugleich. Manches ist tatsächlich so überzogen, dass man lachen muss, anderes wiederum überraschend wahr. Am Ende zeigen Klischees eben doch nur, wie wir gesehen werden – und nicht unbedingt, wie wir wirklich sind.
PS: Und ja – natürlich gibt es noch eine ganze Menge weiterer Mythen, die hier keinen Platz gefunden haben. Irgendwann gibt’s also bestimmt einen zweiten Teil.

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    Kirsten Greco

    ​Fantasyautorin aus Michigan. Schreibt Magie, trinkt Kaffee, löscht Plotbrände.

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