Kirsten Greco
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Wo Kreativität unter Erwartungen leidet – und warum wir alle ein Stück Verantwortung tragen

11/17/2025

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​Auf Instagram ist das Thema Burnout im Buchmarkt gerade überall und inzwischen habe ich fast das Gefühl, dass sich ein Trend daraus entwickelt hat. Ein Trend, dem viele folgen, oft mit sehr persönlichen Posts, die teilweise berühren, teilweise aber auch ein wenig wie „Vielleicht sollte ich jetzt auch etwas dazu sagen…“ wirken könnten. Das meine ich nicht wertend. Jede Erfahrung ist echt, jede Erschöpfung verdient Raum. Und trotzdem frage ich mich manchmal, ob wir gerade über das Richtige sprechen – oder ob wir uns ein wenig in der Dynamik verlieren. Ob wir Hinweise auf ein wichtiges Thema sehen, oder ob wir anfangen, ein wichtiges Thema algorithmustauglich zu verpacken.  Es gibt einige Facetten an diesem Thema, die in der aktuellen Instagram-Welle ein wenig untergehen. Und genau diese möchte ich hier aufgreifen.

Autor*in sein – zwischen Freiheit und Druck

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​Ich liebe das Schreiben. Ich kann nicht ohne. Für mich ist es kein Hobby und auch kein Lifestyle – es ist mein Beruf, meine Art zu denken, zu leben, zu atmen. Und gleichzeitig weiß ich, dass dieser Beruf Freiheiten bietet, von denen viele Menschen nur träumen. Während andere tagtäglich vielleicht Jobs machen, die sie auslaugen, die sie aber für ihren Lebensunterhalt brauchen, darf ich kreativ arbeiten. Ich bestimme meine Zeit, meine Themen, meine Art zu erzählen. Das ist ein Privileg – und es bleibt eines, selbst wenn der Druck wächst. Das bedeutet nicht, dass Burnout weniger real wäre. Es bedeutet nur, dass wir den Druck in Relation setzen dürfen. Und sollten. 

Wenn der Markt schneller rennt, als wir laufen können

Ja: Die Erwartung, ständig präsent zu sein, ist enorm. Social Media funktioniert nicht mit Pausen, sondern mit Dauerfeuer. Reels, Lives, Updates, Preorder-Links, “Hast du schon die Cover-Reveal-Aktion gesehen?”, Messen, Events, Hypes. Gleichzeitig sollen wir schreiben. Möglichst schnell. Möglichst viel. Möglichst passend zum Trend, aber natürlich individuell und einzigartig. Dazu Produktionszyklen, Feedbackschleifen, Lektorat, Cover, Bonusmaterial, Weltenbau – und alles in einer Qualität, die in einem überfüllten Markt hervorsticht. Es wäre gelogen zu sagen, das sei leicht.

Aber: Wir haben Handlungsspielraum. Mehr als wir oft glauben.

​Was ich bei all den Diskussionen manchmal vermisse, ist dieser Gedanke: Wir können Dinge verändern. Nicht alles. Aber einiges.
Wir können entscheiden,
  • ob wir jeden Hype mitmachen,
  • ob wir in einem Dreimonatsrhythmus veröffentlichen,
  • ob jeder Release eine Special Edition bekommt,
  • ob wir unsere Selbstfürsorge hintenanstellen,
  • ob wir Social Media zu unserem Mittelpunkt machen,
  • und ob wir den Erwartungen folgen, die uns eigentlich nicht guttun.
Diese Entscheidungen sind nicht immer bequem. Und ja, manche haben Konsequenzen: weniger Reichweite, weniger Sichtbarkeit, vielleicht eine längere Durststrecke. Und natürlich: weniger Verkäufe. Weniger Einkommen.  Vielleicht brauchen wir eben einen Brotjob nebenher, um finanziell weniger abhängig zu sein. Aber ein kleiner Teilzeitjob ist kein Scheitern. Er kann im Gegenteil Freiheit schaffen – die Art von Freiheit, die Kreativität schützt.

Der notwendige Blick in den Spiegel – ein unbequemer, aber wichtiger Gedanke

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An dieser Stelle könnte sich jemand melden und sagen:
„Stopp! Du tust ja so, als könnten Verlagsautor*innen einfach beschließen, langsamer zu machen. Schließlich hängen Deadlines, Marketingpläne, Budgetentscheidungen und ganze Produktionsketten, davon ab, was die Verlage vorgeben. Und überhaupt haben Verlagsautor*innen doch einen viel größeren Druck als Self-Publisher*innen. Können sie das überhaupt? Können Verlagsautor*innen es sich leisten, einen Hype zu ignorieren? Oder eine Special Edition abzulehnen? Können sie wirklich aus dem vorgegebenen Veröffentlichungsrhythmus ausbrechen?“
​Zunächst einmal muss klar und deutlich gesagt werden, dass der Druck auf beiden Seiten da ist. Self-Publisher*innen tragen zwar keine Verlagsstrukturen im Rücken, dafür aber die gesamte Verantwortung für Sichtbarkeit, Kosten, Vermarktung und Erfolg. Der eigentliche Unterschied liegt nicht in der Schwere des Drucks – sondern in der Möglichkeit, schneller handeln zu können. Self-Publisher*innen können Veröffentlichungsrhythmen anpassen, Trends ignorieren, Preise verändern, Marketing neu ausrichten, Pausen einlegen. All das klingt leichter, als es ist – aber es ist möglich. Und jede Entscheidung trägt eigene Konsequenzen. Verlagsautor*innen hingegen bewegen sich in Strukturen, die oft wenig Spielraum lassen. Und wir alle wissen: Solange ein System wirtschaftlich funktioniert, ändert sich kaum etwas an den Abläufen und Erwartungen. 

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​Also zurück zur Frage: Können Verlags*autorinnen es sich leisten, etwas zu ändern? Meine Antwort: Ja, aber nicht ohne Risiko. Vielleicht würde ein Vertrag nicht verlängert. Vielleicht wären Sichtbarkeit und Vorschüsse geringer. Vielleicht würde der Star-Status bröckeln. Und genau hier lohnt sich die ehrliche Frage: Wenn es uns wirklich so schlecht geht – warum fällt es uns so schwer, einen Schritt zurückzutreten? Was wollen wir mehr? Künstlerische Freiheit? Oder Ansehen, Bestsellerlisten, Hofierung und große Vorschüsse?
Das ist unbequem. Aber es ist nicht falsch, es auszusprechen. Und wenn wir nicht bereit sind, diese Dinge zu hinterfragen – und wenn es nötig ist, für mehr künstlerische Autonomie auch einen Nebenjob anzunehmen – dann ist die Frage erlaubt, ob wir uns zu Recht beklagen oder ob wir ein System mit aufrechterhalten, das uns doch eigentlich erschöpft.
Nur wenn genug Verlagsautor*innen bewusst bremsen, wird sich etwas bewegen. Nur wenn Self-Publisher*innen sich die Zeit nehmen, die sie brauchen, um gute Bücher zu schreiben, verschieben sich Erwartungen. Nur wenn wir kollektiv Trends hinterfragen – Hypes, Farbschnitte, Veröffentlichungsrhythmen – entsteht Veränderung.

Und dann ist da die andere Seite: die Nachfrage

​Wenn wir über Druck reden, dann nicht nur über den, der bei Autor*innen entsteht. Marktmechaniken entstehen nicht einseitig. Sie entstehen zwischen denen, die produzieren – und denen, die konsumieren. Deshalb möchte ich das hier sagen, ohne Vorwurf, sondern als Beobachtung: Leser*innen und Blogger*innen prägen den Buchmarkt genauso wie wir. Und manchmal verstärken wir alle zusammen genau die Dynamiken, über die wir uns später wundern.

Hypes, Farbschnitte, Special Editions – und was sie wirklich bedeuten

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​Ich verstehe es vollkommen: Ein Farbschnitt ist wunderschön. Bonusmaterial ist aufregend. Special Editions fühlen sich wie kleine Schätze an.
Aber jedes Extra bedeutet:
  • höhere Produktionskosten
  • höheren Zeitdruck
  • mehr Stress
  • höhere Preise
Gleichzeitig lese ich häufig, dass Bücher “zu teuer werden”. Beides ist wahr. Beides hängt zusammen. Es ist nicht falsch, besondere Ausgaben zu mögen. Aber vielleicht sollten wir uns ab und zu fragen – und genau hier seid auch ihr gefragt, liebe Leser*innen: Unterstützt ihr wirklich das, was ihr liebt? Oder rennt ihr Trends hinterher, die kreative Köpfe immer mehr unter Druck setzen?
Ja, Begeisterung für Bücher ist etwas Großartiges. Aber es gibt einen Unterschied zwischen Freude und Anspruch. Wenn ein Buch erscheint und sofort die Frage kommt: Wann kommt der nächste Teil? Gibt es mehr Content? Gibt es einen Trailer dazu?  Charakterkarten? Overlays? – dann, oft unbewusst, entsteht Druck. Nicht absichtlich. Nicht böse gemeint. Aber spürbar. Vielleicht hilft es, wenn wir uns gegenseitig zugestehen, dass Geschichten Zeit brauchen. Dass Autor*innen Menschen sind. Dass Social Media nicht das Maß aller Dinge ist. Und dass Wertschätzung auch bedeuten kann, Geduld zu haben.

Am Ende tragen wir alle Verantwortung – und alle können etwas verändern

​Es geht nicht darum, Schuld zu verteilen. Es geht darum, zu erkennen, dass der Burnout im Buchmarkt nicht durch eine einzelne Gruppe entsteht. Sondern durch viele kleine Entscheidungen, von vielen Menschen, über viele Jahre.
Und genauso kann Veränderung beginnen:
  • indem Autor*innen ihre eigenen Grenzen respektieren und bereit sind – wenn nötig – Entscheidungen zu treffen und die Konsequenzen zu tragen
  • indem Leser*innen bewusster konsumieren
  • indem Blogger*innen nicht nur Trends, sondern auch Vielfalt sichtbar machen
  • indem Verlage nachhaltige Strategien fördern
  • indem wir gegenseitig mehr Zeit, Raum und Menschlichkeit zulassen
Manchmal reicht schon ein Schritt zurück, um wieder atmen zu können.

Was ich mir wünsche?

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Eine Branche, in der Bücher in ihrem Tempo entstehen dürfen. In der Leidenschaft wichtiger ist als Algorithmus. In der Vielfalt nicht nur Marketingfloskel ist. Und in der wir alle – jede*r auf seine Weise – Verantwortung übernehmen, bevor wir erschöpft zusammenbrechen. Schreiben darf anstrengend sein. Aber es sollte uns nicht kaputt machen. Und dafür braucht es nicht nur Selbstschutz, sondern auch ein bisschen Mut, Trends zu hinterfragen und neue Wege auszuprobieren. Vielleicht ist das am Ende der ehrlichste Weg aus dem Burnout: Verändern, was wir können. Akzeptieren, was wir nicht brauchen. Und lieben, was bleibt.
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Von Dünen, Daten und Dingen, die man nicht nachschlagen kann – warum Recherche auch (und gerade) für Fantasyautor*innen wichtig ist

11/9/2025

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Ich bin gerade zurück aus dem Urlaub! 
Ziel: die Outer Banks in North Carolina. Ergebnis: Wind im Gesicht, Meeresrauschen in den Ohren und ein Kopf voller Szenen, die unbedingt aufgeschrieben werden wollen. Und diese Reise hat wirklich alles gegeben: Spätoktoberhitze, kurz danach Stürme, die das Motorhome durchgeschüttelt haben, überflutete Straßen, gesperrte Brücken, die uns für zwei Tage vom Festland abgeschnitten haben – und ein Hirsch, der plötzlich auf den Dünen auftauchte … Das alles ist Recherche. Nicht in Tabellenform, sondern spürbar, hörbar, echt.
Schon die Fahrt von Michigan nach North Carolina war eine kleine Feldstudie: Wälder, die in allen Herbstfarben leuchteten, Highways, die einfach kein Ende nehmen wollten, und Tankstellen, die ihre ganz eigenen Geschichten erzählen. Zum Beispiel die, an der sich eine freundliche Frau vorstellte, Carlo die Hand schüttelte und dann sehr ernsthaft anbot, für unseren kaputten Generator zu beten. Noch bevor wir etwas sagen konnten, hatte sie bereits die Handfläche auf das Gerät gelegt – auf den Generator, nicht auf Carlo – und ein fünfminütiges Gebet hingelegt, als hinge das Schicksal der Stromversorgung persönlich von ihr ab. Ergebnis: Der Generator blieb stumm, aber ich hatte dafür eine Szene, die garantiert in einem Roman landet.

Wenn Google Earth an seine Grenzen stößt

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Klar, heute kann man mit wenigen Klicks jeden Ort der Welt bereisen. Google Earth zeigt die Straßen, YouTube liefert Videos, Blogs und Reiseführer erzählen Details. Ich nutze all das regelmäßig – aber es ersetzt nicht, einen Ort wirklich erlebt zu haben. Wenn man barfuß im warmen Sand steht, das Salz auf den Lippen schmeckt, den Wind hört, der durch Dünengras rauscht – dann begreift man eine Landschaft anders. Kein Bildschirm der Welt kann das ersetzen.
Wir standen mit dem Motorhome direkt hinter den Dünen. Nachts, wenn der Sturm das Fahrzeug wackeln ließ, habe ich mir vorgestellt, wie eine meiner Figuren das erleben würde: der Himmel voller Sterne, das Rauschen des Atlantiks, die Unsicherheit, ob die Brücke am nächsten Tag wieder geöffnet ist. Und ja – genau das wird ziemlich sicher in meinem aktuellen Projekt landen. Solche Erfahrungen sind Gold wert, weil sie nicht nur die Landschaft, sondern auch Emotionen transportieren.
Natürlich kann ich nicht immer jeden Schauplatz persönlich besuchen. Manche Orte existieren schlicht nicht – vor allem, wenn man Fantasy schreibt. Und selbst wenn, wäre es kaum möglich (oder bezahlbar), für jede Szene einmal quer über den Globus zu reisen. Dann heißt es eben: Laptop aufklappen, Bücherstapel durchforsten und hoffen, dass Google Maps irgendwann Gerüche überträgt.

„Du schreibst Fantasy, da brauchst du doch keine Recherche.“

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​Oh doch. Und zwar jede Menge. Fantasy funktioniert nur, wenn sie in sich glaubwürdig bleibt. Jede erfundene Welt braucht Regeln, Kultur, Geschichte – und diese Regeln müssen konsistent sein. Das ist keine reine Erfindung, das ist Handwerk.
Wie funktioniert Magie? Welche Tiere gibt es, welche Pflanzen, welche Jahreszeiten? Wie klingt Musik dort? Welche Rituale begleiten Geburt oder Tod? Ich recherchiere politische Systeme, topografische Eigenheiten, Materialkunde – und ja, manchmal sogar Physik.
Für mein aktuelles Projekt habe ich mich tagelang mit dem Thema Flugverhalten beschäftigt – von Fledermäusen bis zu allem, was irgendwie flattert oder gleitet. Wie bewegen sich ihre Flügel? Welche Muskeln sind beteiligt? Wie fühlt sich die Membran an, wie viel Kraft braucht es, um abzuheben? Diese Details sieht man vielleicht nur zwischen den Zeilen, aber sie verleihen der Szene Glaubwürdigkeit.

Zwischen Schwert und Screenshot – Kampfrecherche ohne blaue Flecken

Ein anderes Thema, das mich regelmäßig beschäftigt, ist das Schreiben von Kampfszenen.
Leider habe ich selbst keine Schwertkampfausbildung – auch wenn ich immer wieder mit dem Gedanken spiele, einen Kurs zu belegen (vielleicht irgendwann, rein beruflich natürlich …).
Bis dahin helfen YouTube, Fachartikel und meine Beobachtungsgabe. Ich schaue Turniermitschnitte, Tutorials, lese über Haltung, Balance, Atemtechnik. Ich stoppe Videos, mache Screenshots, notiere Bewegungsabfolgen – vom Drehmoment bis zur Gewichtsverlagerung.
Ein kleiner Vorteil: Meine Tochter hat früher Karate gemacht. Ich erinnere mich an ihre Haltung, die Ruhe, die Präzision – an dieses kurze Innehalten vor der Bewegung. Wenn ich Kampfszenen schreibe, denke ich oft daran. Und natürlich ist es ausgesprochen praktisch, gute Freundinnen zu haben, die mit Pfeil und Bogen umgehen können. Denn egal, ob jemand eine Waffe führt oder nur seine Kraft einsetzt – der Moment davor ist immer derselbe: pure Kontrolle.

Zeitreisen im Kopf – wenn Epochen lebendig werden

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​Nicht alle Geschichten spielen in der Gegenwart. Manche führen in vergangene Zeiten, und dann beginnt die vielleicht intensivste Form der Recherche. Ich habe einen Heidenrespekt vor Autor*innen, die historische Romane schreiben – allein schon wegen der Genauigkeit, dem Quellenstudium, der sprachlichen Feinabstimmung. Jede kleine Abweichung kann den Leser aus der Zeit reißen, und genau das erfordert ein Maß an Geduld und Detailtreue, das ich nur bewundern kann.
Ganz entziehen kann aber auch ich mich dieser Art Recherche nicht. Für den ersten Teil meiner Silvanubis-Trilogie habe ich monatelang alles über die Nachkriegszeit im Ruhrgebiet gelesen – Bücher, Dokumentationen, Zeitungsarchive. Ich habe mit Zeitzeug*innen gesprochen, ihre Erinnerungen aufgeschrieben und versucht, mir vorzustellen, wie sich der Alltag damals angefühlt hat: der Geruch von Kohle, das Knirschen von Schutt unter Schuhen, der Klang von Stimmen in engen Hinterhöfen. Ja, diese Arbeit war manchmal bedrückend, aber sie war notwendig und sie hat sich tatsächlich angefühlt wie ein kleiner Zeitsprung. Eine Herausforderung, aber eine, die mir am Ende doch ungeheuer viel Spaß gemacht hat.
Solche Recherchen schützen letztendlich davor, Klischees zu reproduzieren oder historische Realitäten zu verzerren. Und ganz ehrlich: Sie hat mir das Schreiben erst ermöglicht. Ohne dieses Fundament wäre die Geschichte leer geblieben.

Wenn der Magen mitschreibt – kulinarische Recherche

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Essen ist in meinen Büchern nie nur Nebensache (und auch sonst nicht). Es ist Atmosphäre, Erinnerung, manchmal Trost.
Nicht nur für meine Weihnachtsromane probiere ich jedes Rezept selbst aus. Recherche, die man riechen und schmecken kann.  Von Zimtsternen bis Pumpkin Pie, von Empanadas bis Brownies: Erst was in meiner Küche geduftet hat, darf ins Buch.
Aber auch in historischen Romanen spielt Essen eine Rolle. Für Das Singen des Feuervogels habe ich recherchiert, was Menschen in der Nachkriegszeit kochten, wenn kaum etwas da war. Besonders berührt hat mich der Gegensatz zwischen dem Hunger der Nachkriegsjahre und der üppigen Fülle in der Welt von Silvanubis. Dort gibt es Essen im Überfluss – saftige Früchte, dampfende Brote, aromatische Kräuter. Und genau das hat mich gereizt: diesen Überfluss dem Hunger von damals gegenüberzustellen.
Für meine Protagonist*innen bedeutete das mehr als nur Staunen – sie fühlten sich schuldig, weil sie plötzlich so viel hatten, während sie aus einer Welt kamen, in der jedes Stück Brot zählte.
Und dann sind da die Fantasywelten – da darf man endlich alles, auch kulinarisch. Ich überlege, welche Früchte dort wachsen könnten, welche Gewürze die Luft erfüllen und was wohl auf den Tisch kommt, wenn gefeiert wird. Am meisten Spaß macht mir, Gerichte zu erfinden, die fast vertraut schmecken – aber eben nur fast.

Von Kräutern, Heilpflanzen und anderen grünen Wundern

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Ein weiteres Thema, das mich seit Silvanubis 1 begleitet, ist die Heilpflanzenrecherche. Ich wollte wissen, welche Pflanzen in welchen Regionen wachsen, wie man sie verwendet und wie sie riechen. Das hat mich von alten Kräuterbüchern bis zu modernen Studien geführt – und schließlich in meinen eigenen Garten. Heute wachsen dort unter anderem Thymian, Salbei, Estragon, Lavendel, Zitronenmelisse – nicht nur, weil sie hübsch aussehen, sondern weil ich sie anfassen, riechen und beschreiben kann. Wenn ich also über eine Figur schreibe, die eine Salbe anrührt, habe ich den Duft von Kräuterdampf sofort wieder in der Nase.

Figurenrecherche – vom Namen bis zum Lebenslauf

Auch Charaktere wollen recherchiert werden. Bevor ich schreibe, überlege ich: Woher kommt diese Figur? Welche Sprache spricht sie? Was bedeutet ihr Name? Wie sieht ihr Alltag aus?
Ich lese Interviews, schaue Dokus, spreche mit Menschen, die ähnliche Berufe haben. Ich möchte wissen, wie eine Hackerin denkt, wie eine Polizistin redet, wie ein Barista in Detroit den Tag beginnt.
Selbst wenn am Ende nur ein Nebensatz übrig bleibt – die Recherche sorgt dafür, dass Figuren Ecken, Kanten und Glaubwürdigkeit bekommen.

Schreiben heißt fragen – und nochmal nachfragen

Bei mir beginnt Recherche oft lange, bevor das eigentliche Schreiben anfängt. Manchmal sammle ich schon Material, während ich ein anderes Projekt beende – Zeitungsartikel, Karten, Fotos, Gesprächsfetzen.
Mindestens vier bis sechs Wochen investiere ich in die intensive Vorbereitung, oft mehr. Und selbst mitten im Manuskript tauchen neue Fragen auf: Wie riecht Ozon nach einem Gewitter wirklich? Wie lange fliegt man mit 100 km/h von Detroit nach Copper Harbor? Welche Farbe hat der Himmel kurz vor einem Sturm?
Recherche endet nie. Sie ist der unsichtbare Atem hinter jeder Szene.

Und dann ist da noch der Blick von außen

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​Ich schreibe meine Bücher auf Deutsch – aber fast alle spielen in den USA.
Das liegt nicht daran, dass ich amerikanische Schauplätze „trendiger“ finde, sondern schlicht daran, dass ich hier lebe. Seit vielen Jahren ist Michigan mein Zuhause. Ich kenne die Seen, das Licht, die Stille im Wald, das Sirren der Zikaden im Sommer, den Geruch nach Schnee im Januar.
Ich schreibe gern über Orte, die ich kenne, weil ich ihre Atmosphäre fühlen kann. Ob es eine verlassene Straße in Detroit ist, eine Küstenstadt in North Carolina oder ein Diner irgendwo zwischen beidem – ich mag es, wenn die Kulisse mehr ist als nur Dekoration.
Nur eine Ausnahme gibt es: die Silvanubis-Trilogie. Sie beginnt im Ruhrgebiet – meiner alten Heimat – und führt später in eine fantastische Parallelwelt. Zufall? Eher nicht. Das Ruhrgebiet ist schließlich der Ort, an dem ich gelernt habe, hinter grauen Fassaden Geschichten zu entdecken.
Dieser Spagat – deutschsprachige Autorin im Ausland zu sein – prägt meine Arbeit sehr. Ich denke auf Deutsch, träume manchmal auf Englisch – und irgendwo dazwischen entstehen meine Geschichten.

Fazit: Recherche ist kein Umweg – sie ist der Weg

Ob in den Dünen von North Carolina, in den Straßen von Detroits Corktown, in einer kleinen Stadt am Rande des Ruhrgebiets oder zwischen Thymian und Lavendel im eigenen Garten: Recherche bedeutet, die Welt zu verstehen, bevor man sie neu erschafft. Sie ist das unsichtbare Fundament unter jeder Geschichte. Ohne sie wären meine Welten blass, meine Figuren leer, meine Dialoge hohl. Und das Schönste daran: Jede Recherche öffnet Türen – zu Orten, Menschen, Zeiten und neuen Ideen.  Am Ende ist sie vielleicht genau das: der Moment, in dem Wirklichkeit zu Geschichte wird. 
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    Kirsten Greco

    ​Fantasyautorin aus Michigan. Schreibt Magie, trinkt Kaffee, löscht Plotbrände.

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