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10 Dinge, an denen ich merke, dass ich schon zu lange in Michigan lebe

6/18/2026

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Als ich 1999 nach Michigan gezogen bin, gab es vieles, an das ich mich erst gewöhnen musste. Drive-Thrus. Riesige Kühlschränke. Entfernungen, für die man in Deutschland vermutlich einen Wochenendausflug geplant hätte. Damals kam mir vieles fremd vor. Heute sind es oft die Dinge, über die ich gar nicht mehr nachdenke, die mir zeigen, wie lange ich inzwischen hier lebe. Die kleinen Gewohnheiten, die sich über die Jahre eingeschlichen haben. Die Eigenheiten, die für mich völlig normal geworden sind, bis ich wieder in Deutschland bin und merke: Okay, das ist vielleicht doch eher eine Michigan-Sache. Hier sind zwölf Anzeichen dafür, dass ich inzwischen vielleicht tatsächlich schon etwas zu lange in Michigan lebe.

1. Die Sache mit den 45 Minuten

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Wenn mich heute jemand fragt, wie weit etwas entfernt ist, antworte ich fast automatisch mit einer Zeitangabe. Zwanzig Minuten. Vierzig Minuten. Eine Stunde. Ob das nun zehn, dreißig oder achtzig Kilometer sind, spielt in meinem Kopf kaum noch eine Rolle. Entscheidend ist, wie lange ich im Auto sitze. Als ich noch in Deutschland lebte, hätte ich wahrscheinlich zuerst die Kilometer genannt. Heute denke ich eher amerikanisch: Wie lange dauert die Fahrt?
Besonders deutlich wird mir das, wenn ich sage: „Ich fahre nur kurz bei meiner Tochter vorbei.“ Dass diese „kurze“ Fahrt ungefähr fünfundvierzig Minuten dauert, erscheint mir dabei völlig logisch. Erst wenn ich mit Freunden oder Familie in Deutschland darüber spreche, merke ich, dass die Definition von „kurz“ dort offenbar eine andere ist. Hier in Michigan sind fünfundvierzig Minuten eher eine kleine Besorgung als eine Reise. Man steigt ins Auto, macht das Radio an und fährt los. Kein großes Ding. Manchmal frage ich mich, wann genau diese Verschiebung stattgefunden hat. Irgendwann zwischen meinem Umzug nach Michigan und heute muss der Moment gewesen sein, in dem eine Strecke, für die ich früher vielleicht Proviant eingepackt hätte, zu „gleich um die Ecke“ geworden ist.

2. Die Sache mit den Drive-Thrus

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Bank. Apotheke. Kaffee. Sandwiches. Für erstaunlich viele Dinge muss man in den USA nicht aus dem Auto steigen. Und ehrlich gesagt habe nicht nur ich mich daran gewöhnt. Selbst Sunny ist inzwischen ein Fan von Drive-Thrus. Bei Starbucks kann er es kaum erwarten, die Sahne aus seinem Pup Cup zu schlecken. Und wenn ich seine monatlichen Medikamente in der Apotheke abhole, wartet hinter dem Schiebefenster meist schon ein Leckerli auf ihn, das ihm selbstverständlich ebenfalls durchs Fenster gereicht wird.
Als ich 1999 nach Michigan gezogen bin, fand ich das alles noch reichlich übertrieben. Warum sollte man seinen Kaffee durch ein Autofenster bestellen, wenn man auch einfach hineingehen kann? Heute denke ich nicht einmal mehr darüber nach.
PS: Besonders im Winter weiß man diese Bequemlichkeit sehr zu schätzen. Wenn draußen Minusgrade herrschen und der Wind durch jede noch so dicke Jacke pfeift, verliert man erstaunlich schnell das Bedürfnis, für einen Kaffee extra auszusteigen. (Und falls ihr euch wundert, warum ich ständig von Drive-Thrus und nicht von Drive-Throughs spreche: Das habe ich mich anfangs auch gefragt. Die Schreibweise wurde irgendwann für Werbeschilder verkürzt und hat sich dann einfach eingebürgert. Amerikaner machen sich darüber heute genauso wenig Gedanken wie über die Tatsache, dass man seine Medikamente durchs Autofenster abholen kann.)

3. Die Sache mit den Fireflies

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​Jeden Sommer sind sie plötzlich wieder da. Kleine Lichtpunkte, die nach Einbruch der Dämmerung durch den Garten schweben. Glühwürmchen gibt es zwar auch in Deutschland, aber nie sind sie mir dort so aufgefallen wie hier in Michigan. Vielleicht gibt es hier mehr davon. Vielleicht verbringt man Sommerabende hier einfach häufiger draußen. Wahrscheinlich ist es eine Mischung aus beidem.
Als ich nach Michigan zog, konnte ich mich an diesem Anblick kaum sattsehen. Wenn die ersten Fireflies eines Jahres auftauchten, blieb ich oft einfach stehen und schaute zu. Heute freue ich mich mich immer noch jedes Jahr auf ihren ersten Auftritt. Gleichzeitig gehören sie längst zum Sommer dazu. So selbstverständlich, dass ich manchmal erst durch Besucher daran erinnert werde, wie besonders dieser Anblick eigentlich ist. Für mich sind Fireflies inzwischen ein genauso sicheres Zeichen für den Sommer wie Grillabende, Farmers Markets oder der erste Tag, an dem die Klimaanlage dauerhaft läuft. Und genau das ist vermutlich der Punkt: Früher waren sie eine Attraktion. Heute sind sie einfach ein wunderbarer Teil meines Sommers.

4. Die Sache mit den Tieren

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Rehe im Vorgarten. Ein Kojote während der Hunderunde. Gänse oder Kanadakraniche, die den Verkehr aufhalten. Oder eine Snapping Turtle, die beschlossen hat, sich mitten auf einem Parkplatz zu sonnen. Früher war jede Sichtung noch ein kleines Ereignis. Heute wundere ich mich eher, wenn mir auf einer Hunderunde gar kein Tier begegnet (nicht wahr, Anna?!) Das bedeutet allerdings nicht, dass ich sie nicht immer noch spannend finde oder nicht regelmäßig fotografiere. Wer meine Instagram-Stories verfolgt, weiß, dass sich auf meinem Handy inzwischen eine beachtliche Sammlung von Rehen, Kojoten, Schildkröten und anderen tierischen Begegnungen angesammelt hat. Trotzdem gehören diese Tiere mittlerweile genauso zu meinem Alltag wie Eichhörnchen oder Amseln in Deutschland.
Manche Begegnungen sind allerdings angenehmer als andere. Wer den Geruch eines Skunks einmal erlebt hat, vergisst ihn nie wieder. Und wer einen Hund hat, der einer solchen Begegnung zu nahe gekommen ist, möchte diese Erfahrung nur ungern wiederholen (Ja, ich rede von dir, Sunny!) Deshalb reicht heute oft schon ein kurzer Luftzug am Morgen. Dann öffne ich erst einmal vorsichtig die Terrassentür, schnuppere in die Luft und werfe anschließend einen Blick auf die Aufnahmen der Ring-Kameras. Die hängen schließlich nicht ohne Grund an strategisch wichtigen Stellen im Garten. Vor fast dreißig Jahren hätte ich vermutlich nicht gedacht, dass ich irgendwann meinen Morgen damit beginne, nach Stinktieren Ausschau zu halten. Und doch sind wir hier.

5. Die Sache mit den Schlaglöchern

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​Michigan und Schlaglöcher haben eine ganz besondere Beziehung. Nach jedem Winter beginnt praktisch eine neue Saison, in der Straßen plötzlich aussehen, als hätten sie einen Meteoritenhagel überstanden. Unsere Straße gleicht momentan eher einer Slalomstrecke als einer Fahrbahn. Mittlerweile erkenne ich viele Schlaglöcher schon aus der Ferne und umfahre sie fast automatisch. Manche sind harmlos. Andere sind für einen erstaunlichen Teil des Umsatzes örtlicher Werkstätten verantwortlich. Wieder andere sehen so aus, als könnten sie problemlos ein kleines Auto verschlucken.
Dass die Situation nicht nur mir auffällt, zeigen übrigens die Menschen, die irgendwann angefangen haben, Blumen oder Sträucher in besonders tiefe Schlaglöcher zu pflanzen, in der Hoffnung, dass die zuständige Road Commission auf einen bunt bepflanzten Krater eher reagiert als auf die üblichen Beschwerden. Aber hey, man gewöhnt sich ja an vieles. Selbst daran, Straßen nach dem Zustand ihrer Schlaglöcher zu bewerten.

6. Die Sache mit dem Rechtsabbiegen bei Rot

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Für Amerikaner völlig normal. Für Deutsche oft erst einmal gewöhnungsbedürftig. Wer zum ersten Mal in den USA Auto fährt, schaut oft etwas irritiert, wenn die Fahrzeuge bei Rot einfach rechts abbiegen. Dabei ist das hier tatsächlich erlaubt – vorausgesetzt, die Straße ist frei und kein Schild verbietet es ausdrücklich. Nach all den Jahren denke ich beim Autofahren gar nicht mehr darüber nach. Wenn die Straße frei ist, biege ich rechts ab und fahre weiter.  Erst wenn ich in Deutschland bin, fällt mir wieder ein, dass diese Regel dort nicht existiert. Und deshalb gehört zu meiner mentalen Checkliste vor der ersten Autofahrt in Deutschland: "Rechts vor links. Bei Rot stehen bleiben. Nicht nach dem nächsten Drive-Thru Ausschau halten." (Schilder mit der Aufschrift „No Turn on Red“ gibt es übrigens auch. Und die sollte man definitiv nicht übersehen. Glaubt mir einfach.)

7. Die Sache mit den Kühlschränken

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​Als ich zum ersten Mal amerikanische Häuser von innen sah, waren die Kühlschränke eine kleine Überraschung. Sie wirkten riesig. Heute wundere ich mich darüber längst nicht mehr. Im Gegenteil. Inzwischen frage ich mich eher, wie man mit deutlich kleineren Kühlschränken auskommt. Fairerweise muss man sagen, dass man hier den Platz oft auch braucht. Irgendwo müssen schließlich die Gallonen Milch untergebracht werden. Oder die Gallone Wein. Je nachdem, wie die Woche läuft.
Und dann wären da noch die Dinge, an die ich mich längst gewöhnt habe: der Ice Maker, der auf Knopfdruck Eiswürfel produziert, und das kalte, gefilterte Trinkwasser, das direkt aus der Kühlschranktür kommt. Genau wie die Größe des Kühlschranks fällt mir das meist erst dann auf, wenn jemand anderes darüber staunt.
Besonders praktisch ist die Größe auch, wenn man mit jemandem verheiratet ist, der auch nach Jahrzehnten in den USA noch konsequent für eine halbe Fußballmannschaft kocht. Unsere Töchter sind längst ausgezogen. Trotzdem schafft Carlo es regelmäßig, Mengen zuzubereiten, die vermuten lassen, dass jederzeit mindestens zehn hungrige Gäste vor der Tür stehen könnten. Der große Kühlschrank sorgt dann immerhin dafür, dass die Reste problemlos untergebracht werden können. Heute fällt mir die Größe amerikanischer Kühlschränke tatsächlich kaum noch auf. Wenn ich in einer deutschen Küche stehe, denke ich stattdessen manchmal: Das ist aber ein putziger Kühlschrank.

8. Die Sache mit der gefühlten Temperatur

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​Minus fünf Grad können sich durch den Wind wie minus fünfzehn anfühlen. Und angenehme Sommertemperaturen können durch hohe Luftfeuchtigkeit plötzlich deutlich unangenehmer werden, als das Thermometer vermuten lässt. Deshalb schaue ich längst nicht mehr nur auf die Temperatur. Mich interessieren vor allem der Windchill im Winter und der Dew Point im Sommer. (Der Windchill beschreibt, wie kalt sich die Luft durch den Wind tatsächlich anfühlt. Der Dew Point – auf Deutsch Taupunkt – gibt dagegen an, wie viel Feuchtigkeit in der Luft steckt. Je höher dieser Wert ist, desto schwüler fühlt sich die Luft an.)
Vor dreißig Jahren hätte ich wahrscheinlich nicht einmal gewusst, was ein Dew Point überhaupt ist. Heute gehören beide Werte ganz selbstverständlich zu meinem Wetterbericht. Zumindest für mich. Sunny hat sein eigenes Wettersystem. Er misst den Sommer ausschließlich nach der Temperatur des Poolwassers. Ist der Pool offen, ist das Wetter gut. So einfach ist das. 
Manchmal lassen sich die Temperaturen sogar direkt an unseren Fenstern ablesen. Im Hochsommer beschlagen die Scheiben von außen, weil drinnen dank Klimaanlage angenehme Temperaturen herrschen, während draußen gefühlt Treibhausklima herrscht. Im Winter passiert gelegentlich das Gegenteil: Dann bildet sich Eis an der Innenseite der Fenster, weil draußen der Windchill die Temperaturen noch einmal deutlich unangenehmer macht. Spätestens dann weiß man, dass die reine Temperatur in Michigan oft nur die halbe Geschichte erzählt.

9. Die Sache mit dem Akzent

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Es dauert meistens nicht lange, bis mein Akzent zum Gesprächsthema wird. Was erstaunlich ist, denn in meinem Kopf spreche ich selbstverständlich längst völlig akzentfreies Englisch. Sobald jemand erfährt, dass ich aus Deutschland komme, folgt meist früher oder später eine Familiengeschichte.
Erst vor Kurzem war ich mit Sunny unterwegs und telefonierte auf Deutsch mit meiner Mutter. Ein entgegenkommender Spaziergänger hörte das offenbar, lächelte und begrüßte mich mit einem ausgesprochen amerikanischen „Guten Morgen“. Danach verlief das Gespräch ungefähr so, wie solche Gespräche hier oft verlaufen. „Meine Frau kommt aus Stuttgart“, erklärte er. Auf Englisch. Kurz darauf erfuhr ich, dass seine Schwiegereltern aus Preußen stammten. Eine Information, die historisch interessant ist, geografisch aber noch einige Fragen offenlässt. Anschließend wollte er wissen, warum wir nach Michigan gekommen sind und wie lange wir schon hier leben. Und obwohl die Details jedes Mal unterschiedlich sind, läuft es erstaunlich oft nach demselben Muster ab. Manchmal erfahre ich etwas über eine Urgroßmutter aus Bayern. Manchmal über einen Großvater, der ein paar deutsche Wörter konnte. Manchmal wird die Familiengeschichte so komplex, dass ich Mühe habe, den Stammbaum überhaupt nachzuvollziehen. Was mich dabei immer wieder beeindruckt, ist die Begeisterung, mit der Menschen nach ihren Wurzeln suchen. Viele Amerikaner identifizieren sich auch nach mehreren Generationen noch mit den Herkunftsländern ihrer Vorfahren. 

10. Die Sache mit dem Sonntag

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​In Deutschland hat der Sonntag einen ganz besonderen Stellenwert. Hier in Michigan wird an Wochenenden Rasen gemäht, das Auto gewaschen, im Garten gearbeitet oder das nächste Heimwerkerprojekt begonnen. Für viele sind es einfach weitere Tage, um Dinge rund ums Haus zu erledigen. Inzwischen erkennen wir sogar an den Geräuschen, welcher Nachbar gerade an welchem Projekt arbeitet. Der eine mäht den Rasen. Der nächste arbeitet in der Garage. Irgendwo läuft ein Kompressor, eine Kreissäge oder ein Laubbläser. Und niemand findet etwas dabei. Erst wenn ich wieder in Deutschland bin, fällt mir auf, wie unterschiedlich Sonntage wahrgenommen werden. Manche Dinge, die für mich hier längst selbstverständlich geworden sind, würden dort vermutlich für die eine oder andere hochgezogene Augenbraue sorgen. Und ganz ehrlich? Nach getaner Sonntagsarbeit schmeckt ein kaltes Bier auf der Terrasse schließlich besonders gut.

Irgendwann wird aus fremd vertraut

​Nach fast dreißig Jahren in Michigan gibt es immer noch Dinge, die mich überraschen. Aber es gibt mindestens genauso viele Dinge, die mir längst selbstverständlich erscheinen. Vielleicht ist genau das das Faszinierende am Auswandern. Man übernimmt nach und nach Gewohnheiten, Sichtweisen und kleine Eigenheiten des Landes, in dem man lebt. Oft merkt man es gar nicht. Bis man plötzlich feststellt, dass man Entfernungen in Minuten misst, bei Rot nach rechts abbiegt und den Dew Point wichtiger findet als die eigentliche Temperatur. Und dann wird einem klar, dass ein Ort, der einmal fremd war, längst zu einem Zuhause geworden ist.

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    Kirsten Greco

    ​Fantasyautorin aus Michigan. Schreibt Magie, trinkt Kaffee, löscht Plotbrände.

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