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Romantasy ist, wenn eine Frau einen Drachen zähmt und sich nebenbei verliebt. Oder, je nachdem, wen man fragt: eine Mischung aus Magie, Drama und viel zu viel Gefühl. Und manchmal wird daraus dann sehr schnell ein einziges Wort: „Fairy Smut“. Sogar von „Hirnpest in Buchform“ war in diesem Zusammenhang schon die Rede. Dabei lässt es sich eigentlich ganz einfach erklären: Romantasy ist ein Literaturgenre, das eine Liebesgeschichte in eine fantastische Welt setzt. Vor einer Weile habe ich auf Instagram bereits über diese Literaturform gesprochen, die gleichzeitig gefeiert und mindestens genauso oft belächelt wird. Damals habe ich das Thema nur angerissen, heute möchte ich etwas genauer hinschauen. Warum ich Romantasy schreibe Vielleicht sollte ich direkt zu Beginn sagen: Ich lese Romantasy. Und ich schreibe sie auch. Mit Leidenschaft. Denn für mich ist dieses Genre so viel mehr als das, was oft daraus gemacht wird. Es ist nicht einfach ein bisschen Magie plus ganz viel Spice. Es ist durchdachter Weltenbau, es sind komplexe Figuren, Konflikte, Spannung, gefährliche Welten und Geschichten, die mehr erzählen als nur eine Liebesgeschichte. Es geht um Trauma, um Stärke, um Entscheidungen. Es geht um Figuren, die kämpfen, scheitern und trotzdem weitermachen. Es geht um Menschen (oder Götter, Engel, Vampire, Gestaltwandler, Magier und Hexen), die sich verändern, die wachsen, die lernen, mit dem umzugehen, was mit ihnen passiert. Es geht um Selbstbestimmung, um gesellschaftliche Fragen, um das Aufzeigen von Machtstrukturen und um das, was geschehen kann, wenn man sich ihnen widersetzt. Mehr als Magie und LiebeJa, es geht auch um Liebe. Um Intimität. Aber eben nie nur. Sie ist ein Teil der Geschichte, Teil eines größeren Ganzen, eingebettet in Konflikte, Entwicklungen und fantastische Welten. Und anscheinend ist genau das der Punkt, an dem es für viele schwierig wird. Denn obwohl Romantasy gerade enorm präsent ist, wird das Genre in Kommentaren und Rezensionen gleichzeitig immer noch erstaunlich häufig mit einem gewissen Augenrollen bedacht. Das Problem mit Smut Ein Begriff taucht dabei besonders oft auf: „Smut“. Für alle, die damit weniger anfangen können: „Smut“ ist ein abwertend verwendeter Begriff für explizite intime Stellen in Büchern. Im Deutschen würde man vielleicht von „Erotik“ sprechen – allerdings fehlt da dieser negative Beiklang, der im Englischen mitschwingt. Denn „Smut“ wird selten neutral benutzt. Es reduziert. Es verkürzt. Es nimmt einem Buch all das, was über diese Szenen hinausgeht, und macht daraus ein einziges Merkmal. Ich habe tatsächlich schon öfter die Frage gehört: „Echt? Du schreibst Fairy Smut?“ Und ja, ich muss jedes Mal ein bisschen lachen. Nicht, weil es böse gemeint ist, sondern weil es so gut zeigt, wie hartnäckig dieses Bild ist. Denn nein, ich schreibe keinen „Fairy Smut“. Ich schreibe Geschichten mit Magie, mit Konflikten, mit Figuren, die Ecken und Kanten haben und mit Welten, die nicht nur schön, sondern auch gefährlich sein dürfen. Darin geht es auch schon mal um Themen, die wehtun, um gesellschaftliche Fragen und um innere Kämpfe, an denen meine Protagonist*innen wachsen und sich verändern. Wird es manchmal blutig? Ja. Dramatisch? Definitiv. Unbequem? Auch das. Und ja, meine Figuren dürfen auch Nähe erleben. Sie dürfen begehren, sich berühren. Weil – Überraschung! – Lust und Intimität zum Leben gehören. Aber warum wird eben das so oft zum Hauptthema gemacht? Der doppelte Maßstab Ob es wohl daran liegt (Achtung, jetzt wird es richtig interessant …), dass „Smut“ angeblich fast ausschließlich von Frauen geschrieben wird? Schauen wir doch mal genauer hin: Wenn Männer in Fantasyromanen explizite Szenen einbauen oder über Beziehungen schreiben, dann wird das oft als Teil erzählerischer Tiefe gesehen. Als Realismus. Als etwas, das Figuren greifbarer macht und Geschichten erdet. Wenn Frauen dasselbe tun, verschiebt sich der Blick. Dann wird aus einem Element plötzlich das bestimmende Merkmal. Auf einmal ist es nicht mehr eine vielschichtige Fantasygeschichte mit komplexem Weltenbau, durchdachtem Plot und intensiven Konflikten, in der auch Intimität vorkommt, sondern eine Story, die auf genau diesen Aspekt reduziert wird. Man muss sich nur die Kategorien ansehen, in denen diese Werke bei Amazon & Co. einsortiert werden. Fantasy-Bücher von Männern, in denen es durchaus schon mal richtig zur Sache geht, werden als „epische“ oder „militärische Fantasy“ gelabelt. Ähnliche Bücher von Frauen bekommen meistens ein ganz anderes Etikett. Ihr ahnt es schon: fast immer „romantische Fantasy“. Mit etwas Glück landen sie in der „Vampirromane“-Schublade (ja, auch wenn keine Blutsauger vorkommen!), mit weniger Glück unter „Erotik“. Vielleicht liegt das an bestimmten Erwartungen, die wir oft gar nicht bewusst hinterfragen. Vielleicht liegt es an der Idee, dass Männer handeln und Frauen fühlen müssen. Vielleicht liegt es an Strukturen, die immer noch vom Patriarchat geprägt sind und daran, dass Lust und Intimität aus weiblicher Sicht anders bewertet und stärker hinterfragt werden. Wenn Erfolg zur Schablone wirdUnd was tut der Buchmarkt? Er unterstützt diese Dynamiken, denn Erfolg bringt eben Muster mit sich. Nicht nur, dass Fantasy Bücher von Frauen auf Romance reduziert werden, sie müssen auch immer wieder dieselben Tropes bedienen, weil sie gerade gut funktionieren. Enemies to Lovers, Slow Burn, Forced Proximity … you name it. Und nicht nur das. Romane werden anhand der Anzahl von Chilischoten in sogenannte Spice-Level eingeteilt. Und natürlich greifen Verlage das auf, setzen auf das, was sich verkauft. Das ist nachvollziehbar. Doch es birgt auch ein Risiko. Denn wenn vor allem das gefördert wird, was sich bereits bewährt hat, wird es für Geschichten, die anders sind, schnell schwieriger. Für neue Ansätze. Für ungewöhnliche Figuren. Für Erzählweisen, die sich nicht sofort einordnen lassen. Für Autorinnen, die einen gesellschaftskritischen Steampunk Roman geschrieben haben und am Ende in der Kategorie „übernatürlicher Liebesroman“ landen. Dabei ist es doch Vielfalt, die ein Genre lebendig hält, während Monotonie es langsam ausbluten lässt. Das unterschätzte Potenzial Umso trauriger, weil gleichzeitig etwas sehr Schönes geschieht: Während manche Romantasy weiterhin kritisch beäugen, entdecken andere über dieses Genre das Lesen wieder für sich: junge Leser*innen, die sich in diesen Geschichten verlieren können, die mitfiebern, sich wiederfinden – und dabei nicht selten das Gefühl haben, ihre Begeisterung rechtfertigen zu müssen. Vielleicht sogar heimlich lesen, weil das, was sie bewegt, immer noch belächelt wird. Und ganz ehrlich: Ist es nicht genau das, was Literatur leisten sollte? Menschen erreichen? Etwas bewegen? Zugang schaffen? Zum Nachdenken anregen, aufrütteln, Missstände aufzeigen? Ja, Romantasy darf glitzern. Sie darf Herzklopfen auslösen. Aber sie darf auch unbequem sein. Sie darf gleichzeitig unterhalten und herausfordern, Gefühle zeigen und Fragen stellen, leicht wirken und trotzdem Tiefe haben. Und vielleicht ist es an der Zeit, sie nicht als Trend, nicht als ein nicht ganz ernst genommenes Subgenre zu betrachten, sondern als das, was sie sein kann: vielschichtig, kraftvoll, schlau, ehrlich ... und ja auch emotional. Ein Genre, das nicht länger etwas ist, zu dem sich nur Frauen bekennen „dürfen“. Ein Genre, das auch Männer mit derselben Selbstverständlichkeit schreiben – und vertreten können. Was wir aus Romantasy machen Romantasy führt uns die Grenzen vor Augen, die wir noch immer zwischen Werken von Autorinnen und Autoren ziehen. Zwischen dem, was als „ernst“ gilt, und dem, was schneller abgewertet wird. Zwischen Geschichten, denen wir Komplexität selbstverständlich zuschreiben, und solchen, bei denen wir sie erst anerkennen müssen. Gleichzeitig erinnert sie uns daran, dass genau diese Grenzen längst hinterfragt und aufgebrochen werden sollten. Für die einen bleibt Romantasy ein belächeltes Genre, für andere ist sie der Einstieg zurück ins Lesen. Und für viele ein Raum für Geschichten, die mehr können, als ihnen zugetraut wird. Vielleicht ist sie am Ende genau das, was wir aus ihr machen.
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Kirsten GrecoFantasyautorin aus Michigan. Schreibt Magie, trinkt Kaffee, löscht Plotbrände. Archive
Juni 2026
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